Wenn 35 Punkte reichen und 56 nicht: Die 3. Liga verliert ihre Logik
Havelse rückt nach, weil den Münchnern 2,7 Millionen Euro fehlten. Über Auf- und Abstieg entscheidet immer öfter der Schreibtisch, nicht der Rasen.
Es ist eine dieser Geschichten, die der deutsche Profifußball regelmäßig schreibt, ohne dass am Ende jemand wirklich zufrieden wäre. Der TSV 1860 München, der die Saison mit 56 Punkten beendet hat, steht trotzdem als Schlusslicht der 3. Liga da. Nicht, weil die Mannschaft auf dem Rasen versagt hätte, sondern weil dem Klub 2,7 Millionen Euro Etat-Summe zur Lizenz fehlten. Das ist die schlichte, unromantische Wahrheit hinter dem Zwangsabstieg.
Profitieren wird davon ein Verein, von dem viele in dieser Woche zum ersten Mal gehört haben dürften. Der TSV Havelse, sportlich nach 38 Spieltagen mit 35 Punkten auf Rang 17 abgestiegen, bleibt drittklassig. Der DFB teilte am Donnerstag mit, dass der Klub aus Niedersachsen „als bestplatzierter sportlicher Absteiger" den frei gewordenen Startplatz der Münchner erhält. Anders als bei den Löwen hielten die Unterlagen von Havelse der Prüfung stand, alle Zulassungskriterien im wirtschaftlichen und technisch-organisatorischen Bereich seien erfüllt worden. Das Team von Trainer Samir Ferchichi rutscht damit nachträglich auf Rang 16, über den Strich.
Man kann das einen Glücksfall nennen, und der Begriff vom Lucky Loser passt für einmal ohne Augenrollen. Aber er erzählt eben nur die halbe Geschichte. Die andere Hälfte handelt davon, dass sportliche Ergebnisse in der dritten deutschen Liga inzwischen nur noch eine Variable sind. Wer 56 Punkte sammelt und am Ende absteigt, während ein Klub mit 35 Punkten die Klasse hält, lebt in einem System, in dem die Tabelle nicht das letzte Wort hat. Das mag man bedauern, ärgerlich finden oder als notwendige Schutzmaßnahme verteidigen — die Lizenzierung schreibt jedenfalls eigene Regeln.
Das zweite Detail dieser Personalie ist fast noch interessanter. Dass Havelse und nicht Lok Leipzig als Regionalliga-Meister Nordost den Zuschlag erhält, ist in der DFB-Spielordnung geregelt. Aus fünf Regionalligen können nur vier Teams aufsteigen, und Lok hatte das einzige Aufstiegsduell mit den Würzburger Kickers verloren. Direkt aufgestiegen sind der SV Meppen, Fortuna Köln und die SG Sonnenhof Großaspach. Würzburg, nur Zweiter der Regionalliga Bayern, profitierte vom Aufstiegsverzicht des Meisters 1. FC Nürnberg II und erhielt nach dem gewonnenen Aufstiegsduell ebenfalls die Liga-Lizenz.
Damit ist das Teilnehmerfeld der 20 Mannschaften komplett. Nüchtern betrachtet hat der DFB sauber gearbeitet: Wer die Kriterien erfüllt, spielt; wer sie nicht erfüllt, spielt nicht. Aber wer sich an diesem Modell stören will, wird in jedem Detail neue Reibungsflächen finden. Ein Aufsteiger, der über das Recht des Meisters hinweg den Vorzug bekommt, weil eine Spielordnung das so vorsieht. Ein Traditionsklub aus München, der über fehlende 2,7 Millionen stolpert. Ein niedersächsischer Verein, der erst absteigt und dann nicht.
Was bleibt, ist eine Liga, die ihre Plätze inzwischen auch neben dem Spielfeld vergibt - auf den Schreibtischen der Lizenzprüfer. Für Havelse ist das eine zweite Chance, die zu nutzen die kommende Saison ohnehin schwer genug machen wird. Für 1860 München beginnt eine Geschichte, die nicht mehr in der 3. Liga geschrieben wird. Und für alle anderen bleibt die Erinnerung, dass 56 Punkte manchmal nicht reichen — und 35 manchmal genügen.