Haitis verbotenes Trikot mit Kriegsszene: Wo endet Identität, wo beginnt Politik?
Die FIFA untersagt eine Schlachtszene auf dem WM-Shirt. Doch der Verband bleibt eine Antwort schuldig: Was ist Gründungsmythos, was Provokation?
Es gibt ein Trikot, das Haiti bei seiner ersten Weltmeisterschaft seit 52 Jahren nicht tragen darf. Auf dem blauen Shirt war die Illustration der Schlacht von Vertières aus dem Jahr 1803 zu sehen, jener Schlacht, die Haitis Unabhängigkeit sicherte. Die FIFA hat die Darstellung kurzfristig verboten, der kolumbianische Hersteller Saeta das Design überarbeitet, um den Bestimmungen zu entsprechen. In zwei Vorbereitungsspielen in Florida hatte das Team das Trikot noch getragen. Dann griff der Weltverband ein.
Man kann das nüchtern abhandeln, als Vorgang im Kleingedruckten der Ausrüsterbestimmungen. Aber die Frage, die der Fall aufwirft, ist größer als ein Stoff: Wo endet Identität, wo beginnt politisches Statement? Eine Schlacht, die ein Land als Staat überhaupt erst möglich gemacht hat, ist für dieses Land kein Politikum, sondern Gründungsmythos. Für andere ist eine Kriegsszene auf einem Sporttrikot womöglich genau das, was Verbände in ihren Regelwerken auszuschließen versuchen. Beide Lesarten lassen sich begründen, und genau darin liegt die Schwierigkeit.
Der Hersteller Saeta hat die naheliegende Verteidigungslinie gewählt. Das ursprüngliche Shirt sei "nicht als politisches Statement" gedacht gewesen, sondern "als Hommage an die Männer und Frauen, die jeden Tag für Haitis Zukunft kämpfen". Das ist eine Formulierung, die den Konflikt eher umschifft als auflöst. Denn die Geste richtet sich nach innen, an die eigene Bevölkerung, an ein Land, dessen Probleme weltweit bekannt sind. Auch die Spieler wissen das.
Mittelfeldspieler Jean-Ricner Bellegarde hat das vor dem Start offen ausgesprochen: "Wir wissen, dass die Menschen vielleicht ein schlechtes Bild von unserem Land haben, dass es viele Probleme hat, aber das wird dem Land, den Menschen, meiner Familie so viel Gutes tun." In diesem Satz steckt die ganze Mehrdeutigkeit dieser haitianischen Mission. Eine Mannschaft, die sich nicht als Botschafterin einer Tagespolitik versteht, aber zwangsläufig als Projektionsfläche eines Landes funktioniert. Ein Trikot, das Geschichte zeigen wollte, und das nun ohne diese Geschichte auskommen muss. Die Frage ist nicht, ob die FIFA formal im Recht ist. Die Frage ist, was eine Verbandsbestimmung leistet, die nicht zwischen Gründungserzählung und Provokation zu unterscheiden vermag.
Sportlich wird die Aufgabe ohnehin groß genug. Am Sonntag um 3 Uhr MESZ trifft Haiti in Boston auf Schottland, in Gruppe C warten zudem der fünffache Weltmeister Brasilien und Afrikameister Marokko. Außenseiter ist ein freundliches Wort für diese Konstellation. Im 26-köpfigen Kader steht auch Torhüter Josué Duverger vom Oberligisten FC Cosmos Koblenz, ein Detail, das daran erinnert, aus welchen Verhältnissen sich diese Mannschaft zusammensetzt. Es sind nicht die Biografien einer großen Fußballnation. Sie sind das, was Haiti gerade hat.
Vielleicht ist das die eigentliche Pointe dieser Trikot-Geschichte. Der Versuch, sich vor dem Turnier mit der eigenen Vergangenheit zu zeigen, ist gescheitert. Was bleibt, ist ein überarbeitetes Shirt, eine Mannschaft, die zum ersten Mal seit über fünf Jahrzehnten bei einer WM spielt, und ein Verband, der seine Linie zwischen Identität und Statement weiterhin nicht erklärt hat. Das Spiel beginnt trotzdem. Pünktlich, in Boston, gegen Schottland.