Hoffentlich bricht beim DFB die WM-Krankheit "Zweikampf-Katar" nicht wieder aus

Für die deutsche Mannschaft beginnt am Sonntag das Turnier gegen Curaçao: Fever Pit'ch-Kolumnist Alex Steudel über fehlenden Mut und das Minimalziel Viertelfinale

Teilen
Hoffentlich bricht beim DFB die WM-Krankheit "Zweikampf-Katar" nicht wieder aus
Foto: Imago / Eibner

In dieser Kolumne kommt 15-mal das Wort "nicht" vor. Das sagt sehr viel aus über meine Gefühlslage vor dem Start der deutschen Nationalmannschaft ins WM-Turnier.

Seit Tagen denke ich darüber nach, was ich ab Curaçao vom DFB-Team erwarte. Gestern habe ich dann ein ZEIT-Interview mit dem früheren DFB-Teampsychologen gelesen, und danach war's mir klar. "Wer lernen will, mit Druck umzugehen, muss sich stellen", sagt Hans-Dieter Hermann, und genau das ist es.

Bei der WM 2022 in Katar hat sich kein Spieler gestellt. Mit Druck umgehen bedeutete damals: ihm ausweichen. Das wurde besonders deutlich in sich anbahnenden Zweikämpfen; denn es blieb meistens beim Anbahnen – unmittelbar bevorstehende Mann-gegen-Mann-Duelle wurden mit einem Pass nach hinten gelöst. Das nennt man Angsthasenfußball, weshalb wir nach der Gruppenphase hochverdient und mit feuchten Unterhosen (würde Reiner Calmund sagen) heimfuhren.

Was ich also von der deutschen Nationalmannschaft bei diesem Turnier erwarte: keinen Wegdrehfußball, sondern Mut – selbst wenn's mal schiefgeht.

Am Ende wird das Team von Julian Nagelsmann natürlich auch von mir am Ergebnis gemessen. Oder besser gesagt: Am Spielergebnis in Kombination mit dem Zweikampferlebnis – was bringt der größte Mut, wenn am Ende immer ein Curaçaoaner (Anpfiff Sonntag, 19 Uhr) den Ball hat?

Ich bin ehrlich gesagt beim vorletzten Testspiel etwas erschrocken, als sogar der blutjunge und todesmutige Lennart Karl in der einen oder anderen Zweikampfsituation abdrehte und querpasste. "Nicht schon wieder!", dachte ich und hoffte, dass er sich nicht mit der rätselhaften deutschen WM-Krankheit "Zweikampf-Katar" angesteckt hat. Leider werden wir das in seinem Fall nicht beantworten können.

Also: Zweikämpfe will ich sehen, am besten gewonnene. Und Tempo. Auch wenn das schwierig wird, denn das deutsche Team ist nicht gerade die jamaikanische 4x100m-Staffel unter den Nationalmannschaften. Einer wie Kapitän Joshia Kimmich kann fehlendes Tempo mit Spielintelligenz und Mut (!) ausgleichen. Größte Sorgen bereitet mir aber die Abwehr, der träge Jonathan Tah zum Beispiel. Und die alte, neue Nummer eins, Manuel Neuer, ist ja leider tatsächlich eher alt als neu, nämlich 40.

Nicht falsch verstehen: Ich liebe Manuel Neuer. Also die Version U36. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass das Experiment mit ihm klappt, der Weltmeister von 2014 hat ja in den vergangenen Jahren beim FC Bayern immer häufiger gepatzt, und er ist beim Rauskommen lange nicht mehr so entscheidungsschnell wie früher.

Außerdem sollten wir nicht vergessen: Wo war der 2026er-Messias Neuer eigentlich, als sich das deutsche Team bei den Weltmeisterschaften 2018 und 2022 komplett blamierte?

Ach, stimmt ja: Er stand im Tor des deutschen Teams.

Aber diese Kolumne soll nicht von Personalien handeln, sondern davon, was ich von der Mannschaft erwarte. Ich erwarte das alte Erfolgsrezept: Zwei überzeugende Siege und höchstens ein nervöses Spiel in der Gruppenphase, das kennt man. Anschließend ein Team, das Fahrt aufnimmt und mindestens das Viertelfinale erreicht. Und dann: Schaun mer mal.

Ich habe Viertelfinale geschrieben, weil ich kein Träumer bin. Das deutsche Team hat mich in den letzten Jahren zum knallharten Realisten erzogen, und so hat sich der Erwartungshorizont inzwischen um eine ganze K.o.-Runde nach vorn verschoben. Früher galt für Deutschland immer: Halbfinale ist Minimalziel, danach kommt die Kür. Jetzt gilt dasselbe für die Runde der letzten Acht. Drunter mache ich es aber nicht – auch nicht, wenn wir im Achtelfinale gegen Frankreich – eine Paarung, die nicht unwahrscheinlich ist – nach grandioser Leistung, Verlängerung und 22 Elfmetern ausscheiden.

Ich erwarte auf diesem ganzen Weg Spieler, die Zweikämpfe und Tempofußball lieben, und einen Trainer Julian Nagelsmann, der im richtigen Moment richtig auswechselt. Ich möchte in den nächsten Wochen Spaß haben und schönen Fußball sehen – und einen Jamal Musiala, der 50 Prozent besser spielt als zuletzt, weil er keine Blockade mehr im Kopf hat.

Ich will mich nicht winden müssen vor Schmerz wie bei den zwei letzten Weltmeisterschaften. Ich tendiere eher zu WM 2010 und 2014.

Könnt ihr mir bitte diesen Gefallen tun, Joshua Kimmich, Florian Wirtz & Co.? Danke.


Die beste WM-Vorbereitung: Meine Kolumnen als Buch

Wäre, wäre, Fahrradkette - Die besten Fußball-Kolumnen von Alex Steudel seit 2020. 86 Kolumnen, 257 Seiten, 15,99 Euro: Hier bestellen! Wer fürs gleiche Geld portokostenfrei und blitzschnell ein signiertes Exemplar haben möchte: Einfach Mail an post@alexsteudel.de schreiben.