Der Romano-Effekt: Warum einige Journalisten immer gewinnen

Warum dominieren einzelne Journalisten den sogenannten Transferjournalismus? Ein Blick von Klaus-Martin Meyer auf Netzwerkeffekte, Vertrauen und Informationsvorsprünge

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Der Romano-Effekt: Warum einige Journalisten immer gewinnen
IMAGO/Nicolo Campo

Von Klaus-Martin Meyer

Als der britische Ökonom Ronald Coase 1937 seine berühmte Theorie über Unternehmen veröffentlichte, dachte er vermutlich nicht an Fußballtransfers. Und doch hilft seine Arbeit dabei, ein Phänomen zu erklären, das heute Millionen Fußballfans täglich beobachten können. Denn betrachtet man die moderne Transferberichterstattung genauer, stellt sich eine interessante Frage: Warum sprechen eigentlich alle über dieselben drei oder vier Journalisten?

Egal ob ein Spieler von Leverkusen nach Liverpool wechseln soll, ein neuer Stürmer beim FC Bayern gehandelt wird oder ein Premier-League-Klub einen Rekordtransfer vorbereitet – am Ende landen die meisten Fans immer wieder bei denselben Namen: Fabrizio Romano, David Ornstein oder Florian Plettenberg. Natürlich gibt es weltweit hunderte gut vernetzte Sportjournalisten. Dennoch konzentriert sich die Aufmerksamkeit auf eine erstaunlich kleine Gruppe von Akteuren. Das wirkt zunächst wie ein Medienphänomen. Tatsächlich handelt es sich aber um ein ökonomisches Phänomen. Genauer gesagt: um einen Markt, in dem Information zur eigentlichen Ware geworden ist.

Wer verstehen möchte, warum Fabrizio Romano heute eine größere Reichweite besitzt als viele traditionelle Sportredaktionen, muss zunächst verstehen, was auf dem Transfermarkt überhaupt gehandelt wird. Die meisten Fans würden vermutlich antworten: Spieler. Ökonomisch betrachtet stimmt das allerdings nur teilweise. Tatsächlich werden auf dem Transfermarkt vor allem Informationen gehandelt. Ein Verein möchte wissen, ob ein Spieler wechselbereit ist. Ein Spieler möchte wissen, welche Klubs Interesse haben. Berater möchten die Nachfrage nach ihren Klienten einschätzen. Und die Öffentlichkeit möchte erfahren, was hinter verschlossenen Türen passiert.

Das Problem dabei: Die meisten Informationen sind nicht öffentlich. Während Fans auf Gerüchte, Spekulationen und Medienberichte angewiesen sind, sitzen Vereine, Spieler und Berater direkt an der Quelle. Sie verfügen über Wissen, das anderen Marktteilnehmern fehlt. Ökonomen sprechen in diesem Zusammenhang von einer Informationsasymmetrie. Informationen sind ungleich verteilt. Einige Akteure wissen deutlich mehr als andere. Genau an dieser Stelle entsteht der ökonomische Wert des Transferjournalismus. Transferjournalisten verkaufen letztlich keine Nachrichten. Sie verkaufen die Verringerung von Unsicherheit.

Wer als Fan wissen möchte, ob ein Transfer tatsächlich bevorsteht, sucht nicht nach einer möglichst unterhaltsamen Geschichte. Er sucht nach der wahrscheinlichsten Wahrheit. In klassischen Medien spielte früher vor allem die Marke eine entscheidende Rolle. Wer Informationen über die Bundesliga wollte, griff zur Zeitung, schaltete die Sportschau ein oder besuchte die Website eines bekannten Medienhauses. Im Transferjournalismus hat sich dieses Verhältnis verschoben. Heute folgen viele Fans nicht mehr primär Medienmarken, sondern einzelnen Personen. Die Frage lautet oft nicht mehr: „Was berichtet Sky?“ oder „Was schreibt The Athletic?“

Die entscheidende Frage lautet: Was sagt Fabrizio Romano dazu? Der Grund dafür ist einfach. In einem Markt, in dem Informationen schwer überprüfbar sind, wird Glaubwürdigkeit zum wichtigsten Gut überhaupt. Fans können meist nicht selbst beurteilen, wie weit Verhandlungen tatsächlich fortgeschritten sind. Sie wissen nicht, welche Quellen ein Journalist besitzt oder wie belastbar eine Information ist. Deshalb orientieren sie sich an einem Ersatzkriterium: der bisherigen Trefferquote. Je häufiger sich Meldungen als korrekt erweisen, desto größer wird das Vertrauen. Und je größer das Vertrauen, desto stärker wächst die Reichweite.

An dieser Stelle beginnt ein Mechanismus, der erstaunlich stark an die großen Plattformunternehmen unserer Zeit erinnert. Nehmen wir an, zwei Journalisten verfügen über ähnlich gute Kontakte. Der eine erreicht 50.000 Menschen. Der andere erreicht 25 Millionen. An wen wird sich ein Berater wenden, wenn er eine Information gezielt platzieren möchte? Wer erhält eher einen Anruf aus einem Vereinsumfeld? Wer bekommt häufiger die Möglichkeit, eine Geschichte zuerst zu veröffentlichen? Die Antwort liegt auf der Hand. Der Größere wird größer. Der Bekanntere wird bekannter. Der Reichweitenstärkere erhält mehr Informationen und wird dadurch wiederum reichweitenstärker.

Ökonomen sprechen von Netzwerkeffekten. Genau dieselben Kräfte haben Plattformen wie Facebook, Instagram oder LinkedIn groß gemacht. Der Nutzen einer Plattform steigt mit der Anzahl ihrer Nutzer. Irgendwann entsteht ein Punkt, an dem Wachstum nahezu automatisch weiteres Wachstum erzeugt. Im Transferjournalismus lässt sich dieser Effekt besonders gut beobachten. Je häufiger Fabrizio Romano richtig liegt, desto mehr Menschen folgen ihm. Je mehr Menschen ihm folgen, desto interessanter wird er für Quellen. Je mehr Quellen ihn nutzen, desto häufiger erhält er exklusive Informationen. Es entsteht ein Kreislauf, der sich selbst verstärkt.

Dieser Mechanismus erklärt auch, warum Romano heute eine Sonderstellung besitzt. Er ist längst mehr als ein klassischer Reporter. Seine Rolle ähnelt zunehmend der einer Informationsplattform. Wenn Berater, Vereine, Spieler und Fans weltweit dieselbe Person als zentralen Informationsknotenpunkt nutzen, entsteht eine Marktposition, die weit über traditionelle journalistische Arbeit hinausgeht. Das bedeutet nicht, dass andere Journalisten schlechter arbeiten. David Ornstein genießt in England einen hervorragenden Ruf. Florian Plettenberg hat sich im deutschsprachigen Raum als wichtige Quelle etabliert. Zahlreiche Reporter verfügen über exzellente Kontakte. Dennoch konzentriert sich ein erheblicher Teil der globalen Aufmerksamkeit auf wenige Namen.

Aus wirtschaftswissenschaftlicher Sicht ist das kein Zufall. In der Ökonomie existiert dafür ein eigener Begriff: der Winner-Take-All-Markt. Geprägt wurde er unter anderem von den Ökonomen Robert Frank und Philip Cook. Gemeint sind Märkte, in denen bereits kleine Unterschiede bei Qualität, Bekanntheit oder Reputation zu enormen Unterschieden beim wirtschaftlichen Erfolg führen. Man kennt dieses Prinzip aus vielen Bereichen. Ein Popstar verkauft Millionen Alben, während ein nahezu gleich talent

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