Neuendorfs Sprache der offenen Türen: Nagelsmann hängt in der Schwebe
Der DFB-Präsident hält sich beide Optionen offen. Wer halten will, klingt anders. Wer entlassen will, auch. Eine unangenehme Lage für den Bundestrainer.
Es ist ein Satz, der in seiner Beamtensprache zunächst harmlos klingt, in der Sache aber alles offenlässt: "Wir können und wollen nach einem derartigen Tiefschlag mit Blick auf die anstehenden Aufgaben nicht einfach zur Tagesordnung übergehen." Bernd Neuendorf hat ihn rund 16 Stunden nach dem 4:5 n.E. gegen Paraguay in eine DFB-Mitteilung schreiben lassen, und wer sich beim Verband ein wenig auskennt, weiß, dass solche Formulierungen nicht zufällig entstehen. Der DFB-Präsident stellt Julian Nagelsmann nicht öffentlich ab, aber er stellt ihn auch nicht hin. Er kauft Zeit. Und er bindet sich selbst so wenig wie möglich.
Die Mechanik der Mitteilung ist interessanter als der einzelne Halbsatz. Neuendorf berichtet, er habe "noch länger" mit Nagelsmann, Andreas Rettig und Rudi Völler zusammengesessen, und das Ergebnis sei eine geteilte Einsicht: "Wir sind uns einig, dass das Abschneiden bei der WM nicht unseren Ansprüchen genügt." In den kommenden Tagen werde man "gemeinsam und in Ruhe die Gründe erörtern, weshalb die Mannschaft ihr vorhandenes Potenzial nicht hat abrufen können". Das ist die Sprache einer Prüfung, nicht die einer Rückendeckung. Wer den Bundestrainer halten will, sagt das in solchen Stunden klarer.
Die Faktenlage macht es Neuendorf nicht leichter. Nagelsmann hat das Amt im September 2023 übernommen, sein Vertrag läuft bis zur EM 2028. Bei der Heim-EM 2024 schied die Mannschaft im Viertelfinale gegen den späteren Europameister Spanien aus, mit 1:2. In der Nations League erreichte sie danach erstmals das Final Four, kam dort aber nur auf Platz vier. Und nun das Sechzehntelfinale gegen Paraguay, das dritte frühe WM-Aus einer deutschen Mannschaft in Serie. Die Kurve zeigt nicht nach oben.
Man muss sich klarmachen, was diese Reihung für einen Bundestrainer bedeutet, der noch zwei Jahre Vertrag hat. Das Viertelfinale gegen Spanien war erklärbar, die Nations League ein durchwachsenes Zwischenergebnis. Ein Sechzehntelfinale gegen Paraguay ist nichts davon. Es ist die Sorte Ergebnis, die in der Verbandslogik schwer zu integrieren ist, weil sie nicht ins Narrativ einer wachsenden Mannschaft passt. Und es ist die Sorte Ergebnis, nach der Präsidenten anfangen, Sätze zu sagen, die alle Optionen offenhalten.
Die spannendere Frage ist deshalb gar nicht, ob Nagelsmann am Mittwoch oder am Freitag noch Bundestrainer ist, sondern wie der DFB diesen Tiefpunkt einordnet. Neuendorfs Mitteilung benennt Rettig und Völler ausdrücklich als Teil der Gespräche. Wenn die kommenden Tage tatsächlich der Ursachenforschung dienen, dann reicht es nicht, die Verantwortung auf den Trainer zu verlagern. Dann steht auch die sportliche Leitung in der Verantwortung, ein Turnier zu erklären, das sie selbst mit vorbereitet hat. Die "Tagesordnung", auf die Neuendorf nicht zurückkehren will, ist nicht nur die Nagelsmanns.
Bleibt die Frage, was Neuendorf eigentlich sagen wollte. Vermutlich beides: dass eine schnelle Entscheidung nicht ansteht, und dass eine Bestandsgarantie es auch nicht ist. Wer den Bundestrainer halten möchte, formuliert anders. Wer ihn entlassen möchte, auch. Was in dieser DFB-Mitteilung steht, ist die Sprache von jemandem, der sich beide Türen aufhält und beobachtet, in welche Richtung der Wind in den nächsten Tagen weht. Für Julian Nagelsmann ist das die unangenehmste aller Positionen.