Matthäus stellt die Fragen — der DFB schuldet die Antworten

Nach dem WM-Aus gegen Paraguay warnt der Weltmeisterkapitän vor der Sommerpause als Fluchtweg. Und zielt unausgesprochen auf Nagelsmanns Sturheit.

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Matthäus stellt die Fragen — der DFB schuldet die Antworten
IMAGO/Pressefoto Baumann

Lothar Matthäus hat seine Rolle gefunden, und er füllt sie mit der Routine eines Mannes aus, der weiß, dass ihm nach einem deutschen WM-Aus zugehört wird. Nach dem 3:4 im Elfmeterschießen gegen Paraguay im Sechzehntelfinale spricht der Weltmeisterkapitän von 1990 bei RTL/ntv das aus, was viele denken: Der DFB darf jetzt nicht in die Sommerpause flüchten. „Bitte nicht erst sechs Wochen in den Urlaub fahren, um es wieder ein bisschen verstauben zu lassen", sagt Matthäus, sondern „konsequent ein paar Tage später eine Sitzung machen und die Frage stellen: Wie geht es weiter?" Das ist kein origineller Gedanke, aber er trifft einen wunden Punkt der Aufarbeitungskultur dieses Verbandes.

Denn der Reflex, schwierige Gespräche zu vertagen, ist beim DFB nicht neu. Wer nach einem Turnier erst die Urlaubsbilder abwartet, bekommt am Ende eine Analyse, die niemandem mehr wehtut, weil sie niemandem mehr zugemutet wird. Matthäus fordert das Gegenteil: schnell, ehrlich, mit klarer Tagesordnung. Es ist die einzige Methode, mit der man aus einem Debakel etwas lernt, das diesen Namen verdient — ein Ausscheiden in der Runde der letzten 32, in einem Modus, der dem Weltmeister von einst eigentlich Sicherheit bieten sollte.

Im Zentrum dieser Aufarbeitung steht Julian Nagelsmann, und hier wird die Debatte interessant. Der Bundestrainer will im Amt bleiben — trotz Paraguay, trotz Elfmeterschießen, trotz aller Bilder, die sich in den vergangenen Tagen in die Köpfe gebrannt haben. Ob das realistisch ist, lässt sich seriös nicht beantworten, solange der DFB nicht entschieden hat, wie er mit dieser Niederlage umgehen will. Aber dass Nagelsmann den eigenen Verbleib offensiv zur Voraussetzung erklärt, statt sich der Diskussion zu stellen, ist genau die Haltung, an der sich Matthäus reibt.

„Ich bin der Meinung, dass Julian Nagelsmann, wenn von außen eine Meinung gesagt wird, er es aus Prinzip anders macht. Und das ist das, was mir im Endeffekt an seiner Führung nicht gefällt", sagt Matthäus. Nur „ein dummer Mensch" ändere nicht seine Meinung. Das ist ein harter Vorwurf, und man muss ihn nicht teilen, um zu erkennen, dass er einen realen Konflikt benennt: zwischen einem Trainer, der seine Autorität über Konsequenz definiert, und einer Öffentlichkeit, die nach einem solchen Aus Bewegung erwartet. Sturheit und Linie sind nicht dasselbe, auch wenn sie sich gelegentlich gleich anfühlen.

Was Matthäus stattdessen will, klingt zunächst banal, ist aber eine Spitze: einen Trainer, „der eine klare Linie hat, der eine klare Ansage hat, der die Spieler wieder einholt, der ein klares Spielsystem hat, das auch zu diesen Spielern passt". Jedes dieser Adjektive ist ein Vorwurf an den Amtsinhaber. Wer so etwas sagt, sagt im Grunde, dass er den Bundestrainer nicht mehr für den richtigen Mann hält — auch ohne den Satz auszusprechen.

Damit ist die Debatte dort, wo sie nach einer solchen WM hingehört: bei der Frage, wie der DFB Führung versteht. Schnelle Sitzung oder verstaubender Sommer, klare Linie oder prinzipielles Dagegenhalten, Selbstverteidigung des Trainers oder Selbstbefragung des Verbandes. Matthäus hat die Fragen gestellt. Die Antworten schuldet der DFB.