25 Millionen vor dem TV-Bildschirm: Amerika entdeckt den Fußball

Rekordquoten beim WM-Auftakt, 35.000 beim Public Viewing in Los Angeles. Ob daraus mehr wird als ein Turniermoment, entscheidet sich erst danach.

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25 Millionen vor dem TV-Bildschirm: Amerika entdeckt den Fußball
IMAGO/Every Second Media

Manchmal sagen Zahlen mehr über den Zustand eines Sports als jede Tabelle. Knapp 16 Millionen Menschen haben das WM-Auftaktspiel der US-Nationalmannschaft gegen Paraguay auf Englisch verfolgt, verteilt auf Fox, Tubi und Fox One. Es ist ein Rekord für ein Spiel des USMNT, also der Männer-Nationalmannschaft, und damit eine Marke, die in einem Land gesetzt wird, das den Fußball lange als Sportart der zweiten Reihe behandelt hat. Wer in den vergangenen Jahrzehnten Quoten aus den USA gelesen hat, weiß, wie weit dieser Wert von früheren Größenordnungen entfernt ist.

Hinzu kommen neun Millionen Zuschauerinnen und Zuschauer auf den spanischsprachigen Kanälen Telemundo, Peacock und Telemundo Deportes. In Summe sind das 25 Millionen Menschen, die ein einziges Gruppenspiel ihrer Auswahl gesehen haben — verteilt über zwei Sprachräume, die in den USA seit Jahren parallel existieren und sich beim Fußball treffen wie kaum bei einer anderen Sportart. Das 4:1 gegen Paraguay war sportlich klar, aber die eigentliche Geschichte dieses Abends spielte sich nicht auf dem Rasen ab, sondern in den Wohnzimmern, auf den Smartphones, in den Bars zwischen Atlantik und Pazifik. Fußball ist in den USA längst nicht mehr nur Migrationsphänomen oder Nischenangebot für Kenner.

Bemerkenswert ist auch, was vor dem US-Auftakt geschah. Schon das WM-Eröffnungsspiel zwischen Mexiko und Südafrika, das mit 2:0 endete, erreichte bei Fox 6,31 Millionen Zuschauer im englischsprachigen Fernsehen. Es ist die beste Quote, die der Sender je für ein WM-Gruppenspiel ohne US-Beteiligung gemessen hat. Dass ein Spiel ohne eigene Mannschaft so viele Menschen vor die Bildschirme zieht, ist der eigentliche Indikator. Reichweite entsteht hier nicht mehr nur über Patriotismus, sondern über das Turnier selbst.

Dazu passen die Bilder aus Los Angeles. Im Coliseum, dem Olympiastadion der Spiele von 1932 und 1984, das auch 2028 wieder Olympiagastgeber sein wird, kamen am Freitagabend rund 35.000 Menschen zu einem Fan-Fest zusammen, um die Übertragung auf einer Großbildleinwand zu sehen. 35.000 Menschen für ein Public Viewing in einem Land, dem man jahrzehntelang nachsagte, es habe für diese Form des kollektiven Mitfieberns kein Gespür. Diese Szene ist mehr als ein Marketing-Erfolg der Veranstalter, sie ist ein Hinweis darauf, dass Fußball in nordamerikanischen Großstädten inzwischen Bestandteil der urbanen Kultur geworden ist.

Eine WM kann ein einmaliges Ereignis sein, das hohe Quoten produziert und danach verpufft. Sie kann aber auch eine Brücke schlagen zu Ligen, Akademien, Übertragungsverträgen und einer Generation, die den Sport von klein auf mitverfolgt. Welcher dieser beiden Wege beschritten wird, entscheidet sich nicht in der Gruppenphase, sondern in den Jahren danach — bei den Sendern, den Verbänden, den Investoren in der MLS und an den Schulen. Die Voraussetzungen, das hat dieser Abend gezeigt, waren in den USA noch nie besser. Wer 25 Millionen Menschen mit einem einzigen Spiel erreicht, hat ein Publikum. Was daraus wird, ist eine andere Geschichte. Sie beginnt jetzt.