Portugals stilles Bekenntnis: Ein Armband, das mehr trägt als Namen von Diogo Jota

Die Selecao geht mit einer Geste ins Turnier, die ohne Pathos auskommt. Was bleibt, wenn ein Kollege fehlt und niemand ihn ersetzen kann?

Teilen
Portugals stilles Bekenntnis: Ein Armband, das mehr trägt als Namen von Diogo Jota
IMAGO/EPA

Es gibt Gesten, die kein Pressebild brauchen, um zu wirken. Die portugiesische Nationalmannschaft wird bei dieser WM in den USA, in Mexiko und Kanada Armbänder tragen, auf denen die Namen aller Kadermitglieder stehen. Dazu, das hat Mittelfeldspieler Vitinha mitgeteilt, eine besondere Erwähnung von Diogo Jota. Mehr braucht es nicht, damit ein Stück Stoff am Handgelenk zu einem Bekenntnis wird.

Diogo Jota ist im Juli vergangenen Jahres bei einem Autounfall in Spanien ums Leben gekommen, gemeinsam mit seinem Bruder. 49 Länderspiele hatte er für die Selecao bestritten, zuletzt stand er beim FC Liverpool unter Vertrag. Eine Karriere, die noch lange nicht zu Ende erzählt war. Wer in einem solchen Fall von einer Lücke im Kader spricht, verkürzt das, was wirklich fehlt. Das Armband ist der Versuch, dieses Fehlen wenigstens für die Spielzeit greifbar zu machen.

Bemerkenswert ist, wer das Geschenk überreicht hat. Premierminister Luis Montenegro hat sich im Vorfeld mit der Mannschaft getroffen, er hat die Bänder mitgebracht, und er hat, so Vitinha, dafür gesorgt, dass die Spieler sie auf dem Platz tragen dürfen. „Er hat es uns überlassen, ob wir sie tragen möchten", sagte der Profi von Paris St. Germain, „wir haben uns sehr darüber gefreut und entschieden, sie gemeinsam zu tragen." Eine Entscheidung im Kollektiv, kein Befehl von oben, keine Kampagne. Und doch tritt damit die Politik in einer Weise an die Mannschaft heran, die mehr ist als Foto-Termin.

Man kann das mit gemischten Gefühlen sehen. Trauer bei einer WM ist ein heikles Terrain, weil große Turniere dazu neigen, jede Geste in ihre eigene Bilderwelt einzusaugen. Ein Armband mit den Namen aller Kadermitglieder verschiebt den Blick aber weg vom Einzelpathos. Es zeigt eine Mannschaft, die sich als Gemeinschaft versteht, in der ein verstorbener Kollege seinen Platz behält. Das ist ein anderer Umgang mit Verlust als die Schweigeminute, die kommt und geht.

Vitinhas Worte sind in ihrer Schlichtheit präzise: Auf den Bändern stehen die Namen sämtlicher Kadermitglieder, „genau wie eine besondere Erwähnung von Diogo Jota." Keine Inszenierung, kein Slogan, keine Hashtags. Wer Jota gespielt hat sehen, weiß, dass er einer war, dem Pathos eher fremd war; ein Stürmer, der seine Tore arbeitete, statt sie zu zelebrieren. Insofern passt diese Form des Gedenkens zu ihm.

Am Mittwoch um 19.00 Uhr MESZ beginnt für Portugal das Turnier, gegen die Demokratische Republik Kongo, übertragen im ZDF und bei MagentaTV. Danach warten in der Gruppe K Usbekistan und Kolumbien. Die Selecao hat einen breiten Kader, sie hat Spieler, die in den großen Ligen Europas tragende Rollen einnehmen, und sie hat einen Anspruch auf das Achtelfinale und mehr. Was sie zusätzlich mitbringt, ist ein kleines Stück Stoff, das nichts entscheidet und doch alles verändert an der Art, wie diese Mannschaft auf den Platz geht. Dass ein Politiker-Geschenk zum gemeinsamen Symbol wird, liegt nicht an Montenegro. Es liegt daran, dass die Spieler sich entschieden haben, es zu tragen.