Sieben Sterne weniger: Wie die FIFA Ägyptens Erfolgsgeschichte ausblendet
Vor dem Auftakt gegen Belgien muss der Verband sein Trikot ändern. Der Weltverband entscheidet, welche fremden Erfolge sichtbar bleiben dürfen.
Es ist eine dieser Geschichten, die man bei einer WM leicht überliest, weil sie zwischen Aufstellungen, Anstoßzeiten und Auftaktanalysen verschwindet. Ägypten muss vor seinem ersten Spiel das Trikotdesign ändern. Die sieben Sterne über dem Verbandswappen, jeder einzelne ein Afrika-Cup-Titel, dürfen bei der Weltmeisterschaft nicht auf der Spielkleidung zu sehen sein. Der ägyptische Fußballverband hat das gegenüber ESPN bestätigt. Die FIFA habe den Verband, so ein Sprecher, vor vier Monaten in einem Routinevorgang informiert.
Routinevorgang. Das Wort lohnt einen zweiten Blick. Routine heißt: Es ist nicht das erste Mal, dass die FIFA bei einer WM die Hoheit über das Trikotdesign der Teilnehmer beansprucht. Routine heißt auch: Es ist nichts Persönliches gegen Ägypten, keine Pointe gegen den afrikanischen Kontinent, keine kuratorische Entscheidung. Es ist eine Regel, die durchgesetzt wird, weil Regeln durchgesetzt werden. Genau das macht den Vorgang aber interessant.
Denn was hier verschwindet, ist nicht Dekoration. Sieben Afrika-Cup-Titel sind in der kontinentalen Hierarchie ein Spitzenwert, ein historisches Alleinstellungsmerkmal, ein Stück Identität, das Ägypten von jedem anderen WM-Teilnehmer unterscheidet. Ein Stern auf der Brust ist die kürzeste mögliche Form, eine Geschichte zu erzählen. Sieben Sterne sind eine Bibliothek. Die FIFA löscht diese Bibliothek nicht inhaltlich, sie blendet sie nur aus, für die Dauer eines Turniers, auf dem ihre eigene Erzählung gelten soll: die der Weltmeisterschaft, nicht die der Kontinente.
Man kann das verstehen, ohne es zu mögen. Eine WM ist auch ein Vermarktungsraum, in dem Bilder kontrolliert werden, in dem Ausrüsterverträge, Sponsorenflächen und Sichtbarkeit bis ins Detail geregelt sind. In dieselbe Logik passt die zweite Vorgabe, die der Verband bestätigt: Die Rückennummern auf dem roten Heimtrikot müssen von Gold auf Weiß wechseln. Begründung laut Verbandssprecher: bessere Sichtbarkeit. Das ist nüchtern, das ist nachvollziehbar, das ist auch nicht zu bestreiten, wenn man je versucht hat, eine goldene Sieben auf rotem Stoff im Fernsehbild zu lesen.
Bei den Sternen ist die Begründung schwieriger. Sie sind kein Sponsorenlogo, sie verdecken keine Nummer, sie behindern keine Sichtbarkeit. Sie sind ein Symbol für Erfolge, die an einem anderen Verbandstisch errungen wurden, beim afrikanischen Kontinentalverband, nicht bei der FIFA. Genau hier liegt der Konflikt: Die FIFA ist auf ihrem Turnier souverän, aber sie entscheidet eben auch darüber, welche Geschichten anderer Verbände während dieser vier Wochen sichtbar bleiben dürfen. Und sie entscheidet sich, im Zweifel, gegen die fremde Geschichte.
Das wird die Mannschaft von Mohamed Salah am Montagabend in Seattle kaum beschäftigen, wenn um 21.00 Uhr deutscher Zeit das Auftaktspiel gegen Belgien angepfiffen wird, übertragen im ZDF und bei MagentaTV. In der Gruppe G warten außerdem Neuseeland und der Iran, sportlich ist die Aufgabe groß genug, um sich nicht an Stoffapplikationen aufzuhalten. Aber das Trikot, in dem Salah auflaufen wird, ist ein anderes als jenes, das in Kairo geplant war. Sieben Sterne weniger, weiße Nummern statt goldener.
Vielleicht ist das die ehrlichste Beobachtung, die sich aus diesem kleinen Vorgang ziehen lässt: Eine Weltmeisterschaft ist nicht die Summe aller Fußballwelten, die zu ihr anreisen. Sie ist ein eigener, sorgfältig kuratierter Raum. Wer dort spielt, spielt nach den Regeln des Hauses, auch was er auf der Brust trägt. Ägypten weiß das seit vier Monaten. Am Montag sieht man, wie es aussieht.