Jürgen Klopps Halbsatz: Wenn die Pointe zum No-Go wird
Möller und Effenberg übernehmen den Reflex, den Nagelsmann sich nicht erlauben darf. Vor Millionenpublikum wiegt ein Augenzwinkern schwerer als gedacht.
Jürgen Klopp und Thomas Müller hatten ihren Spaß bei MagentaTV, das war zu sehen, das war zu hören. Klopp sagte vor laufender Kamera über die mögliche Aufstellung gegen Curacao: "Zum Glück stellt Julian Nagelsmann die Mannschaft auf – noch. Noch." Ein Satz, ein Lachen, ein Halbsatz hinterher. Was als Pointe gedacht war, ist binnen Stunden zu einer kleinen Affäre geworden, an der sich nun Reihe um Reihe prominente Ex-Profis abarbeiten. Erst Lothar Matthäus, dann Andreas Möller, dann Stefan Effenberg.
Möller, im WM-Doppelpass bei Sport1, ließ keinen Zweifel daran, was er von der Nummer hält. "Ich finde, das geht nicht. So einen Satz finde ich respektlos. Wir wissen ja, was daraus gemacht wird. Das ist ein No-Go", sagte der 58-Jährige. Und er drehte das Argument um: "Wenn Klopp Bundestrainer wäre – und im Hintergrund würden solche Sachen laufen, da wäre er auch nicht amüsiert." Das ist die Pointe hinter der Pointe. Wer einmal in dieser Position war oder sich in sie hineindenkt, weiß, wie lange ein Halbsatz nachhallen kann, der mit einem Augenzwinkern gesetzt wurde.
Effenberg pflichtete bei und schob die entscheidende Größe nach vorne: das Publikum. "Das geht nicht, er spricht vor einem Millionen-Publikum. Auch mit dem Lachen hintenraus." Und weiter: "So einen Spruch kannst du mit einem Bierchen an der Bar machen, wenn du allein bist. Aber nicht vor einem Millionen-Publikum, das ist ein absolutes No-Go." Damit ist der Kern der Debatte benannt. Es geht nicht um die Frage, ob Klopp seine Meinung haben darf, sondern darum, was eine Stichelei aus seinem Mund auslöst, wenn sie über Magenta in die Wohnzimmer fällt. Effenberg formulierte die Folge: Klopp bringe Nagelsmann so "in die Bredouille. Nagelsmann weiß gar nicht, wie er darauf antworten soll."
Lothar Matthäus, Weltmeister 1990 wie Effenberg, hatte zuvor in der Bild "mangelndes Feingefühl" angemerkt, weil Klopp und Müller die Aufstellung Jamal Musialas infrage gestellt hatten. Drei Stimmen, drei Tonlagen, ein gemeinsamer Befund: Die Grenzen zwischen Experten-Talk und Eingriff in das Tagesgeschäft eines Bundestrainers verlaufen offenbar schmaler, als es die lockere Studio-Atmosphäre suggeriert. Das ist eine Debatte, die nicht mit Klopp begonnen hat und nicht mit Klopp enden wird, aber sein Name verleiht ihr ein anderes Gewicht. Wenn der prominenteste deutsche Trainer der vergangenen Jahre als Experte auftritt, sind seine Halbsätze keine Randnotiz.
Nagelsmann selbst hat auf der Pressekonferenz vor dem Auftaktspiel gegen Curacao am Sonntag souverän reagiert. Deutschland habe "viele Experten, auch Thomas und Jürgen sind coole Jungs", sagte der 38-Jährige – gemeint ist Nagelsmann, der zur Routine zurückgekehrt ist und die Sache ableiten musste. "Sie hatten viel Erfolg in der Fußballwelt. Sie können über alles reden, was sie wollen. So ist das eben." Das ist die Antwort eines Bundestrainers, der weiß, dass er an dieser Stelle nichts gewinnen kann, indem er sich erregt. Möller und Effenberg haben den Reflex übernommen, den Nagelsmann sich nicht erlauben durfte. Und das ist, wenn man so will, die eigentliche Arbeitsteilung dieser Tage: Der Bundestrainer schweigt, die Ex-Profis reden.