WM 2026: Marokko ist kein Ausnahmefall mehr, sondern Geheimtipp
Zweites WM-Viertelfinale in Folge, 3:0 gegen Kanada – und das ohne den verletzten 50-Millionen-Mann Saibari. Aus einem Einzelfall wird eine Serie.
Was Mohamed Ouahbi nach dem 3:0 gegen Kanada gesagt hat, klang nicht nach großer Botschaft, sondern nach nüchterner Bestandsaufnahme. „Wenn die Leute über Marokko reden, reden sie über einen Mitbewerber", sagte der Trainer. Und weiter: „Es ist erst der Anfang, ich hoffe, wir werden solche WM-Erfolge noch viele Jahre haben. Es ist noch nicht das Ende." Man kann diese Sätze für Selbstbewusstsein halten, aber sie sind vor allem eine Beschreibung dessen, was in dieser Woche in den Ergebnislisten steht: Marokko ist als erstes afrikanisches Team zweimal in Folge in ein WM-Viertelfinale eingezogen.
Vor vier Jahren, in Katar, war das Halbfinale gegen Frankreich noch die Geschichte des Turniers. Ein afrikanisches Team unter den letzten Vier, das anschließend im Spiel um Platz drei gegen Kroatien mit 1:2 verlor – das ließ sich damals noch als Ausnahmezustand erzählen, als Moment, den ein Verband, ein Jahrgang, eine Konstellation möglich gemacht hatten. Vier Jahre später steht dasselbe Land wieder in derselben Runde, diesmal als Afrika-Cup-Sieger, diesmal mit dem Etikett des Geheimfavoriten. Der zweite Anlauf ist die eigentliche Nachricht. Er verwandelt den Einzelfall in eine Serie.
Dass es gegen Kanada, den Außenseiter dieses Achtelfinals, lange nicht lief, will Ouahbi nicht überbewerten. „Wir sind bei einer WM. Wenn es mal nicht so läuft, müssen wir widerstandsfähig sein. Wir sind ruhig geblieben, haben Anpassungen vorgenommen, und es hat funktioniert."
Zur Halbzeit stand es 0:0, ehe Azzedine Ounahi in der 50. Minute traf und in der 82. Minute nachlegte. Soufiane Rahimi machte in der achten Minute der Nachspielzeit den Endstand perfekt. Ein Spiel, das Trainer normalerweise mit den Worten „schmutziger Sieg" abhaken, taugt in diesem Fall eher als Beleg für die Selbstverständlichkeit, mit der diese Mannschaft ihre Aufgaben löst.
Zur Kulisse dieses Nachmittags gehört, dass Ismael Saibari nicht mitspielte. Der künftige Münchner, der vergangenen Mittwoch beim FC Bayern einen Vertrag bis 2031 unterschrieben hat und rund 50 Millionen Euro Ablöse kostet, humpelte schon nach 22 Minuten vom Platz. „Er hatte ein bisschen Schmerzen im Oberschenkel", berichtete Ouahbi, mehr könne er noch nicht sagen: „Ich hatte noch keine Zeit, mit dem Arzt zu sprechen." Und der Trainer erklärte, warum Saibari später auf der Bank blieb: „Wir wollen kein Risiko eingehen, es ist wichtig, Spieler einzusetzen, die bei 100 Prozent sind, gerade in diesen Spielen, in denen es um alles geht." Auch das ist ein Detail, das etwas erzählt: Marokko kommt inzwischen ohne seinen Starstürmer ins Viertelfinale.
Was Ouahbi meint, wenn er von einem „Mitbewerber" spricht, lässt sich an genau dieser Konstellation ablesen. Ein afrikanisches Team, das ein 3:0 auch dann herstellt, wenn der teuerste Neuzugang nach 22 Minuten fehlt. Ein Team, das nicht mehr überrascht, sondern die anderen zwingt, sich auf es einzustellen. Vor vier Jahren war der Halbfinaleinzug die Geschichte. Diesmal ist es der Umstand, dass niemand mehr überrascht ist. Genau darin liegt die Verschiebung, die dieser Nachmittag markiert – nicht mehr, aber auch nicht weniger.