Didi Hamann fordert Kimmich-Rücktritt: Eine Geste, die Räume öffnen soll
Der TV-Experte will nach dem WM-Aus einen Umbruch per freiwilligem Abschied. Der Kapitän lehnt ab. Zwei Logiken, die sich nicht versöhnen lassen.
Dietmar Hamann hat sich zu Wort gemeldet, und wer die Karriere des früheren Nationalspielers verfolgt hat, weiß: Wenn Hamann etwas sagt, dann selten mit Samthandschuhen. Diesmal trifft es Joshua Kimmich. Der TV-Experte legt dem Kapitän der Nationalmannschaft im „TOMorrow Business"-Podcast einen Rücktritt nahe – nicht als Vorwurf, sondern als Aufforderung zu einer Geste.
„Ich bin der Meinung, dass Kimmich in der Nationalmannschaft keine Rolle mehr spielen sollte. Ich muss doch mal andere Spieler ranlassen", sagt der Vize-Weltmeister von 2002.
Man muss diesen Satz zweimal lesen, um die Konstruktion dahinter zu verstehen. Hamann greift Kimmich nicht in seiner Leistung an, sondern in seiner Funktion. Von einem Spieler dieser Statur, so der 52-Jährige, erwarte er, dass er selbst den Schluss zieht: „Ich habe alles probiert – und das kann man ihm nicht vorwerfen –, ich habe es nicht geschafft, ich bin jetzt mal weg." Einen solchen Rückzug würde Hamann dem Bayern-Profi „wahnsinnig hoch anrechnen". Es ist die Aufforderung, freiwillig Platz zu machen, damit ein Umbruch überhaupt beginnen kann.
Und Hamann bleibt nicht beim Kapitän stehen. Bei Sky nennt er Angelo Stiller und Tom Bischof als Namen fürs Mittelfeld, spricht sich zusätzlich für Rücktritte von Leon Goretzka und Leroy Sané aus. Die aktuellen Spieler, so seine Begründung, habe man sich „zu lange angesehen". Das ist keine Einzelkritik mehr, das ist eine Systemansage: Der Kader, mit dem die Nationalmannschaft im Sechzehntelfinale gegen Paraguay gescheitert ist, hat aus Hamanns Sicht seine Chance gehabt. Der 31-jährige Kimmich ist dabei nur die prominenteste Adresse einer Forderung, die eigentlich die halbe Achse betrifft.
Kimmich selbst hat bereits geantwortet, und die Antwort fällt aus, wie sie ausfallen musste. „Ich werde immer die Power haben für einen neuen Anlauf. Was ich niemals tun werde ist: Aufgeben", sagte er nach dem WM-Aus gegen Paraguay bei MagentaTV. Das ist der Ton eines Kapitäns, der seinen Job über eine Turnierpleite hinaus definiert – und der die öffentliche Debatte um seine Person nicht als Argument gegen sich gelten lässt. Wer aufgibt, so die Botschaft, entscheidet nicht auf Zuruf, sondern aus eigener Überzeugung. Und die hat Kimmich in diesem Punkt offenkundig nicht.
Damit stehen sich zwei legitime Positionen gegenüber, die man nicht gegeneinander auflösen kann. Hamann argumentiert von außen, aus der Perspektive dessen, der Erneuerung an personellen Schnitten festmacht. Kimmich argumentiert von innen, aus der Perspektive dessen, dem man Verantwortung übertragen hat und der sie nicht wegen einer Niederlage zurückgibt. Beides ist konsistent. Beides ist unvereinbar.
Was diese Debatte interessant macht, ist weniger die Frage, wer recht hat, sondern die Frage, was ein Rücktritt überhaupt leisten würde. Hamann glaubt an die symbolische Kraft einer freiwilligen Geste, die Räume öffnet. Kimmich glaubt an die sportliche Kraft eines neuen Anlaufs. Nach dem WM-Aus gegen Paraguay ist die Nationalmannschaft an einem Punkt, an dem beide Antworten diskutiert werden müssen – und an dem klar ist, dass die Entscheidung nicht in einem Podcast fällt, sondern in den Wochen und Monaten danach. Der Ball, im doppelten Sinne, liegt beim Kapitän.