Pokal: Wenn Träume wahr werden – oder platzen
Pokalspiele schreiben Geschichten voller Euphorie, Tragik und Leidenschaft – vom Profifußball bis tief in den Amateurbereich, beobachtet von Gerd Thomas
„Pokalfinale! Pokalfinale!“ Nach der Melodie von „Mendocino“ landeten die Spieler Benni Adrion und Marcel Eger einst einen Hit. Ihr Verein, der FC St. Pauli, war bis ins Viertelfinale marschiert. Dort scheiterte man an Bayern München, obwohl der Gegner an diesem Tag durchaus schlagbar war. Doch seit Sonny Wenzel und „Schlangen“-Franz Gerber sucht man am Millerntor vergeblich nach einem echten Torjäger. Den hat der aktuelle FC Bayern mit Harry Kane zweifelsfrei, so wie der VfB Stuttgart mit Deniz Undav – auch deshalb stehen beide im Pokalfinale, das am 23. Mai in Berlin steigt.
„Berlin, Berlin – wir fahren ins Desaster“
Beim letzten DFB-Pokalfinale hatte es größere Irritationen gegeben. Die Bielefelder Fans drängten sich vor den Einlasstoren, deren Technik – mal wieder – hoffnungslos überfordert war. Dass niemand verletzt wurde oder gar ums Leben kam, grenzte an ein Wunder und war vor allem der Disziplin der Ostwestfalen zu verdanken.
Als die Berliner Sportsenatorin anschließend den DFB als Veranstalter für die schlechte Organisation verantwortlich machte, hing die Zukunft der Endspiele in Berlin über Monate am seidenen Faden. DFB-Präsident Bernd Neuendorf lobte bei der Pokalübergabe im Berliner Rathaus daher vor allem die Tradition und den Gassenhauer „Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin“. Ein zerknirschter Bürgermeister musste einräumen, dass man sich in der selbst ernannten Sportmetropole verbessern müsse.
Das gilt auch für den Berliner Fußball-Verband, der gleich zwei Jugend-Endspiele absetzen musste. Proteste der im Halbfinale unterlegenen Teams wurden vom Sportgericht bestätigt: Die Elfmeterschießen waren nicht regelkonform durchgeführt worden. Warum solche Dinge immer wieder passieren? Ganz einfach: Die Regeln sind nicht allen Schiedsrichtern klar – manchmal auch den hinzugezogenen Verbandsmitarbeitern nicht. Natürlich macht es einen Unterschied, ob drei oder fünf Schützen vorgesehen sind.
Nicht jedes Endspiel bleibt in guter Erinnerung
Bei den Teams, die ohne Beanstandungen ins Finale eingezogen sind, steigt derweil die Anspannung – egal ob Profis oder Amateure, Erwachsene oder Jugendliche. Für viele ist es das erste, für manche vielleicht sogar das einzige Finale. Wobei man das nie sicher weiß. Die Ü60 des FC Internationale holte im hohen Fußballalter noch den Pokal, auch weil man im Viererturnier einen gewissen FC Bayern München mit 1:0 besiegte.
Unsere 2. Herren stehen in diesem Jahr im Berliner Endspiel – für fast alle eine Premiere. Einige wenige waren bereits vor zwei Jahren im Finale und verloren damals unter denkwürdigen in der Verlängerung gegen einen Gegner, der mit Spielern aus der höchsten Liga gespickt war.
Mich erinnerte das an mein eigenes Pokalfinale vor langer Zeit. Gegen den favorisierten und klassenhöheren Nachbarn dominierten wir die Partie und erzielten eigentlich auch zwei Tore mehr. Allerdings vollzog ein Schiedsrichter namens Dienst an diesem Tag einen ganz besonderen „Dienst“. Er erkannte uns zwei Treffer ab. Ein Kracher aus 25 Metern in den Winkel wurde wegen angeblichen Abseits abgepfiffen. Nicht einmal der Gegner hatte die Situation so gesehen, nahm die Entscheidung aber dankbar an.
Als dann auch noch der vermeintliche Siegtreffer per Kopf aberkannt wurde, wurde es endgültig absurd. Angeblich soll der Ball durch ein Loch im Tornetz von oben ins Tor gefallen sein. Doch selbst bei genauer Untersuchung war kein Loch zu finden. Der vermeintliche Unparteiische blieb dennoch stur und bestand auf seiner Entscheidung. Es ging ins Elfmeterschießen – es kam, wie es kommen sollte. Ein echtes Skandalspiel, wie auch die örtliche Tageszeitung schrieb. Ändern ließ sich trotzdem nichts mehr.
An diesem Wochenende fiebern alle mit
So werden Träume fürs Leben zerstört. Dennoch wäre es zu einfach, allein die Schiedsrichter verantwortlich zu machen. Zumal sich die Zeiten geändert haben. Doch wie früher spielen auch heute die Nerven manchen Aktiven einen Streich, manchmal verzocken sich Trainer – und manchmal läuft es einfach unglücklich. Passiert das Unheil im Finale, bleibt für immer haften und kann nur selten wieder ausgemerzt werden – was für ein Wortspiel.
Der DFB inszeniert jedes Jahr den „Finaltag der Amateure“ in den Landesverbänden. Ganz treffend ist der Name allerdings nicht, wenn Drittligisten gegen Regionalliga-Teams antreten. Das bewegt sich längst im professionellen Bereich. Die wahren Amateur-Highlights finden in den Landkreisen statt. Auch wenn nur noch selten vierstellige Zuschauerzahlen erreicht werden, bleibt dieses besondere Prickeln bestehen. Für viele ist dieser Tag der Höhepunkt ihrer gesamten Karriere.
Als ich beim „Handover“ des DFB-Pokals im Roten Rathaus Jogi Löw, Bernd Neuendorf, Finalschiedsrichter Sven Jablonski und VfB-Kapitän Atakan Karazor um ein kurzes Statement für die Hartplatzhelden-Konferenz bat, machten alle spontan mit und sendeten Grüße an die Amateure im Land. Das hat mich sehr berührt. Jogi Löw war sofort fokussiert und lobte die Basis, Bernd Neuendorf sprach deutlich länger als erbeten.
Ich bin sicher: Sie alle fiebern innerlich mit den Amateuren in den Final-Arenen der Republik mit. Mir geht es genauso. Allen viel Erfolg – und bringt den Cup nach Hause!