Oliver Bierhoffs späte Abrechnung: Wer trägt die Last der Haltung bei einer WM?

Vor der WM 2026 fordert der Ex-Manager, Spieler zu schützen und Funktionäre in die Pflicht zu nehmen. Ein Seitenhieb auf das DFB-Präsidium.

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Oliver Bierhoffs späte Abrechnung: Wer trägt die Last der Haltung bei einer WM?
IMAGO/Nico Herbertz

Oliver Bierhoff hat dem stern ein Interview gegeben, das man in Frankfurt sehr genau lesen sollte. Der frühere DFB-Manager empfiehlt dem Verband für die WM 2026 in den USA, Mexiko und Kanada einen Kurs, den er selbst als Schutz der Spieler versteht: einmal positionieren, dann Ruhe geben. „Die Spieler müssen geschützt werden. Sie dürfen sich nicht treiben lassen. Man sollte ihnen sagen: Lasst die Medien meckern und konzentriert euch auf den Sport", sagt Bierhoff. Das ist, bei aller Dezenz der Formulierung, eine Ansage an den DFB, wie er mit der politischen Großwetterlage unter US-Präsident Donald Trump umgehen soll.

Bierhoffs Logik ist pragmatisch bis nüchtern. Der einzelne kritische Kommentar eines Fußballers, so seine These, werde nichts daran ändern, dass Trump die WM für seine Zwecke nutzen könnte. Er verweist auf die engen wirtschaftlichen Verbindungen zwischen Deutschland und den USA und auf eine Bundesregierung, die weiterhin um gute Beziehungen bemüht sei. „Warum sollte ausgerechnet die Nationalmannschaft eine andere Haltung einnehmen?", fragt er. Die meisten dieser Diskussionen findet er ohnehin „verlogen" – ein Wort, das man sich in diesem Kontext zweimal anhören muss.

Interessant wird es dort, wo Bierhoff den Blick zurück richtet. Vor der WM 2022 in Katar hatte der DFB unter seiner Führung das Tragen der „One Love"-Binde angekündigt und war dann auf Druck der FIFA eingeknickt. Heute sagt er, man müsse „sehr gut überlegen", ob man sich als Team bei einem Turnier politisch positioniere – und sieht die Verantwortung für solche Aussagen bei der „politischen Führung" des Verbandes, nicht bei den Spielern. Das ist eine Rollenzuweisung, die eine klare Botschaft an das heutige DFB-Präsidium enthält.

Noch deutlicher wird Bierhoff, wenn es um das eigene Erleben in Katar geht. Er hätte sich gewünscht, „dass sich das Präsidium des Verbandes klarer zu Katar äußern und vor die Mannschaft stellen würde". Stattdessen, so sagt er, habe er das Gefühl gehabt, „dass man sich eher hinter der Mannschaft und mir versteckt". Nach dem Vorrundenaus trennten sich der DFB und Bierhoff nach 18 gemeinsamen Jahren. Dass dieser Satz jetzt, mehr als drei Jahre später, fällt, darf man als späte Abrechnung lesen.

Die Frage, die Bierhoff stellt, ohne sie offen zu stellen, lautet: Wer trägt die Last einer Haltung? Seine Antwort ist eindeutig – nicht die Spieler, sondern die Funktionäre. Der DFB hat zuletzt betont, dass „Fehler" aus Katar nicht wiederholt und politische Themen aus der Kabine herausgehalten werden sollten. Das klingt nach einer Linie, die Bierhoffs Empfehlung durchaus entgegenkommt. Nur ist der Unterschied entscheidend: Themen aus der Kabine heraushalten ist nicht dasselbe, wie sich als Verband ebenfalls wegzuducken.

Dass Menschenrechtsorganisationen seit Monaten mit Besorgnis auf die Entwicklung der USA unter Trump blicken, ändert an Bierhoffs Kalkül nichts. Er trennt sauber zwischen der Bühne Sport und der Bühne Politik und verlangt vom DFB, diese Trennung aktiv zu organisieren. Man kann das für zu zurückhaltend halten oder für ehrlich. Was man ihm nach diesem Interview schwer vorwerfen kann: dass er die Frage umgeht. Er legt sie auf den Tisch – und den Ball ins Feld eines Präsidiums, das noch zeigen muss, ob es ihn aufnimmt.