Nagelsmanns Demut: Vielleicht die bessere Methode als große Versprechen

Der Bundestrainer setzt vor der WM auf Realismus und Turnierdynamik. Ob das reicht, zeigt sich nicht im Studio, sondern ab Juni auf dem Platz.

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Nagelsmanns Demut: Vielleicht die bessere Methode als große Versprechen
Screenshot: ZDF

Julian Nagelsmann hat im ZDF-Sportstudio einen Satz gesagt, der in seiner Nüchternheit fast schon trotzig wirkt. Deutschland sei bei der Weltmeisterschaft in den USA, Mexiko und Kanada „sicherlich nicht Top-Favorit, aber das interessiert auch keinen vorneweg". Man kann diese Selbsteinschätzung als Tiefstapelei lesen, als rhetorisches Manöver, als Druckabbau. Man kann sie aber auch als das nehmen, was sie ist: eine ehrliche Standortbestimmung sechs Wochen vor der Kaderbekanntgabe.

Der Bundestrainer macht aus seiner Sicht auf das Turnier kein Geheimnis. Es gehe darum, „ein besseres Team zu sein, als vielleicht Mannschaften, die noch mehr gespickt sind mit Weltstars". Das ist ein bemerkenswerter Satz, weil er die Erwartungshaltung, die in Deutschland traditionell mit jeder WM-Teilnahme verbunden ist, ausdrücklich relativiert. Nagelsmann verschiebt den Maßstab vom Anspruch auf das eigene Niveau hin zum Vergleich mit anderen — und akzeptiert in dieser Logik, dass die DFB-Elf nicht zwingend an der Spitze dieses Vergleichs steht. Wer das für defensiv hält, übersieht, dass Realismus eine Voraussetzung dafür sein kann, am „Tag X" tatsächlich zu liefern.

Interessanter als das Etikett „nicht Top-Favorit" ist die Frage, worauf Nagelsmann seine Hoffnung gründet. Er spricht von Eigendynamik, von der Frage, „wie kommst du ins Turnier rein? Was entsteht da für eine Dynamik?" Das ist die Sprache eines Trainers, der weiß, dass Turniere selten von der Papierform entschieden werden und oft von einem Moment, einem Spiel, einer Stimmung im Kader. Wenn alle eine gute Form fänden, sei „vieles möglich" — eine Formulierung, die für sich genommen wenig sagt, im Kontext aber viel: Nagelsmann verzichtet auf Garantien, die er ohnehin nicht geben könnte.

Spannend wird die Personalfrage. Der Bundestrainer beschreibt seinen Kader als „interessante Mischung" aus Spielern, „die schon viel gewonnen haben", und solchen, „die diesen Hunger haben". Diese Balance zwischen Erfahrung und Antrieb ist keine neue Erfindung, aber sie verlangt vom Trainer Fingerspitzengefühl bei der Auswahl der 26 Namen, die er am Donnerstag in Frankfurt am Main benennen wird. Wer in diesen Kader gehört und wer nicht, wird in den kommenden Wochen die größere Debatte werden als die Favoritenfrage. Denn an der Zusammensetzung lässt sich ablesen, welche Identität Nagelsmann dieser Mannschaft geben will. Und dabei geht es nicht allein um Manuel Neuer.

Der Fahrplan bis zum Eröffnungsspiel ist eng getaktet. Am 27. Mai versammelt Nagelsmann seinen Kader beim Partner Adidas, am 31. Mai folgt in Mainz der letzte Test auf deutschem Boden gegen Finnland, ehe es in die Vereinigten Staaten geht. Am 6. Juni steht in Chicago die Generalprobe gegen Co-Gastgeber USA an, dann beginnt das Turnier mit den Gruppengegnern Curacao, Elfenbeinküste und Ecuador. Auf dem Papier ist das eine Konstellation, die einen seriösen Auftakt erlauben sollte — und genau hier setzt Nagelsmanns Logik an, denn ein guter Start ist die Voraussetzung jener Dynamik, von der er spricht.

Bleibt die Frage, was man aus alldem ableiten soll. Nagelsmann verkauft keine Träume, er verkauft eine Methode: Demut vor dem Feld, Vertrauen in den Kader, Hoffnung auf den Sog, der sich im Turnier entwickeln kann. Ob das reicht, entscheidet sich nicht im Mai im Sportstudio, sondern ab Juni in den USA. Der Bundestrainer hat zumindest klargemacht, mit welcher Erwartung er hinfliegt — und mit welcher nicht.