Modric verabschiedet sich nicht, er grätscht

Mit 40 Jahren wird der Kapitaen aelter Vorlagengeber der WM-Historie - und gegen Portugal wartet ein altbekannter Gegner aus Madrider Tagen.

Teilen
Modric verabschiedet sich nicht, er grätscht
IMAGO/EPA

Manche Karrieren enden leise, andere bekommen noch einmal eine Bühne, die zur Lebensleistung passt. Luka Modric hat sich für die zweite Variante entschieden. Mit 40 Jahren und 291 Tagen liefert er gegen Ghana die Ecke, die Nikola Vlasic in der 83. Minute zum 2:1 verwertet, und steigt damit zum ältesten Vorlagengeber der WM-Geschichte auf. Es ist eine dieser Marken, die man nicht plant, sondern erspielt – und Modric hat sie sich an einem Abend geholt, an dem er ohnehin mehr war als nur ein Statist seiner eigenen Vergangenheit.

Wer Modric in diesem Spiel beobachtet hat, sah keinen Veteranen, der sich durch die Minuten verwaltet. Er forderte jeden Ball, war Dreh- und Angelpunkt im Spiel der Vatreni und klärte mehrfach in der Defensive – einmal sogar per Grätsche. Das ist nicht die Statistik eines Spielmachers, der seine Beine schont. Das ist die Arbeitsbeschreibung eines Kapitäns, der weiß, dass jedes dieser Spiele eines seiner letzten sein kann.

Die Stimmen aus der Kabine klingen entsprechend. „Es wirkt so, als hätte er die Zeit um zehn Jahre zurückgedreht", sagt Vlasic. Petar Sucic, Schütze des 1:0 in der 30. Minute, geht noch weiter: „Er spielt, als wäre er 20 Jahre alt. Er war unglaublich." Josip Stanisic vom FC Bayern räumt ein, man merke „ab und zu, wenn es ihm ein bisschen schwerer fällt" – nur eben diesmal nicht. Solche Sätze fallen normalerweise über Mitspieler, die man fürchtet zu verlieren. Hier fallen sie über einen, von dem alle wissen, dass sie ihn ohnehin bald verlieren werden.

Trainer Zlatko Dalic spricht es aus, was die Mannschaft hinter den Lobeshymnen längst verarbeitet: Modric sei „sich bewusst, dass dies seine letzte Weltmeisterschaft ist, und er versucht, sein Bestes zu geben und sich so gut wie möglich von der WM zu verabschieden". Das ist die nüchterne Version eines Abschieds, der sich nicht in Gesten erschöpft, sondern in Leistung übersetzt werden soll. Modric selbst formuliert es kürzer. „Ein neues Turnier beginnt. Wir werden bereit sein."

Dieses neue Turnier beginnt für Kroatien in der Nacht zu Freitag um 1.00 Uhr MESZ in Toronto, im Sechzehntelfinale gegen Portugal. Und damit gegen Cristiano Ronaldo, den langjährigen Vereinskollegen aus gemeinsamen Real-Madrid-Jahren. Die Dramaturgie dieses Duells muss man nicht erklären; sie ergibt sich aus zwei Biografien, die sich über ein Jahrzehnt im selben Trainingszentrum gekreuzt haben und nun bei einer WM aufeinandertreffen, die für beide aller Voraussicht nach die letzte ist. Zwei Spieler, deren Karrierebögen kaum unterschiedlicher verlaufen sind und doch in derselben Generation enden.

Für Modric wird der Abend in Toronto kein nostalgisches Wiedersehen. Sein Spiel gegen Ghana hat gezeigt, in welchem Modus er diese WM bestreiten will: als Anführer, der nicht abwinkt, sondern grätscht, der Ecken nicht nur ausführt, sondern serviert, der einen Altersrekord nicht als Pointe nimmt, sondern als Nebenprodukt. Stanisic nennt ihn „auf und neben dem Platz der Leader". Es ist die schlichteste, aber präziseste Beschreibung dessen, was Kroatien in den nächsten Wochen noch einmal aufbringen wird – solange Modric spielt.