Die WM als Bühne fürs MAGA-Projekt: Nicht täuschen lassen, dass Trump abtaucht
Der Präsident bleibt den Tribünen fern, doch an Grenzposten und in Visa-Akten läuft die eigentliche Inszenierung. Wem gehört am 19. Juli der Pokal?
Die Fußball-WM in den USA, Mexiko und Kanada läuft, und der US-Präsident hält sich auffällig zurück. Donald Trump hat bislang kein Spiel besucht, und nach Einschätzung des britischen Telegraph ist es unwahrscheinlich, dass er vor dem Finale am 19. Juli noch eines besuchen wird. Wer darin Entwarnung sieht, übersieht eine kühlere Lesart. Sie stammt von Nicholas McGeehan, Direktor der Organisation FairSquare, und sie ist im Gespräch mit dem SID unmissverständlich ausgefallen. McGeehan sagt, Trump und dessen Berater hätten das Turnier nutzen wollen, um „ihren aggressiven Nationalismus und Rassismus" zu demonstrieren. Die FIFA habe ihnen das „ganz eindeutig ermöglicht". Belege liefert er drei: den somalischen Schiedsrichter Omar Artan, dem die Einreise verweigert wurde; den irakischen Stürmer Aymen Hussein, der Einreiseprobleme hatte; und die usbekische Nationalmannschaft, die ebenfalls Schwierigkeiten bekam. Aus diesen Fällen, so McGeehan, habe die US-Administration „eine große Inszenierung" gemacht. Im Fall Artan, dem US-Behörden Verbindungen zu mutmaßlichen Mitgliedern terroristischer Organisationen vorwerfen, sei der Referee „ohnehin nie ins Land gelassen worden, und sie wollten daraus eine große Show machen". Der Vorwurf wiegt schwer, weil er nicht beim Weißen Haus stehenbleibt. McGeehan hat bei der Ethikkommission des Weltverbandes Beschwerde gegen FIFA-Präsident Gianni Infantino eingereicht, wegen dessen enger Beziehung zu Trump. Infantino, sagt er, habe die Einreiseverweigerung für Artan vor dem WM-Start „faktisch verteidigt". Es sei „ziemlich klar, dass die FIFA versucht, das MAGA-Projekt mithilfe der Weltmeisterschaft zu unterstützen". Das ist eine Formulierung, die man nicht überliest, wenn sie vom Direktor einer Menschenrechtsorganisation kommt. Die Indizienkette führt zurück bis in den Dezember. Damals überreichte Infantino dem US-Präsidenten den neuen „Friedenspreis" der FIFA. Am Dienstag bestätigte der Verbandschef, dass er gemeinsam mit Trump den WM-Pokal nach dem Finale am 19. Juli übergeben wird. McGeehan nennt das „bemerkenswert", Infantino scheine „nicht unbedingt zu wollen, dass Trump einfach in den Hintergrund verschwindet". Wer dem Präsidenten eine Bühne baut und dann selbst daraufsteigt, kann hinterher schwer behaupten, mit der Inszenierung nichts zu tun gehabt zu haben. Und doch hat der Plan, beobachtet McGeehan, eine Schieflage. Dass Trump bislang kaum in Erscheinung getreten ist, sei „merkwürdig" und „ziemlich untypisch für Trump, sich nicht selbst in den Mittelpunkt zu rücken". Genau diese Zurückhaltung verschiebt den Fokus auf das Spielfeld. „Das Turnier läuft aus Sicht der FIFA ziemlich gut. Die frühen Kontroversen sind etwas in den Hintergrund getreten. Übrig geblieben sind die Trinkpausen als das wichtigste Thema." Man könnte sagen: Der Verband hat Glück, dass es derzeit so heiß ist. Bleibt die Frage, was am Ende hängenbleibt. McGeehans Urteil ist eindeutig: „Sie haben schon erreicht, was sie erreichen wollten." Wenn das stimmt, ist die Abwesenheit Trumps von den Tribünen keine Entlastung, sondern Teil einer Bilanz, die längst geschrieben wird – an den Grenzposten, in den abgelehnten Visa-Anträgen, in der Bildregie der US-Behörden. Die Ethikbeschwerde gegen Infantino wird daran wenig ändern, solange der Präsident der FIFA am 19. Juli neben dem Präsidenten der USA steht. Spätestens dann entscheidet sich, wessen Pokal das ist.