Deutschlands Woche der Wahrheit: Schönreden bis zum letzten Atemzug?

Fever Pit'ch-Kolumnist Alex Steudel über den Start des DFB-Teams in die K.o.-Runde der WM

Teilen
Deutschlands Woche der Wahrheit: Schönreden bis zum letzten Atemzug?
Foto: Imago / Kirchner-Media

Heute mal ein bisschen Mathe: Die deutsche Nationalmannschaft spielt bei diesem Turnier statistisch gesehen zwei von drei Halbzeiten miserabel, redet sich das aber zu 100 Prozent schön. Leider sind 100 Prozent von zwei Dritteln: zwei Drittel.

Ich frage mich: Kann eine Mannschaft Weltmeister werden, die in einer Blase lebt? Wohl eher nicht.

Heute gegen Paraguay, vielleicht Samstag gegen Frankreich – bald schon wissen wir’s. Ich bin aber skeptisch. Sollte das DFB-Team nicht bald den dritten Gang finden, wird abgereist.

Noch ein bisschen Mathe: Die Weltranglistenpositionen der drei bisherigen deutschen Gegner in Summe? 138. Gegen Curaçao haben wir erst nach Gegentor-Weckruf klar gewonnen, gegen die Elfenbeinküste 67 Minuten hinten gelegen. Gegen Ecuador sang- und klanglos verloren.

Doch wenn ich in diesen Tagen die Interviews mit den Betroffenen höre, denke ich oft an das, was Berti Vogts früher gesagt hat: „Sie haben ein anderes Spiel gesehen.“ Selbst Weltmeister Schweini kritisiert mit doppelter angezogener Handbremse.

Ich kann nur hoffen, dass Julian Nagelsmann doch noch die richtigen Worte findet. Bisher war das nicht der Fall, denn die Mannschaft spielt weit unter Potenzial. Aber der Bundestrainer will womöglich die gute Stimmung nicht ruinieren. So wirkt es auf mich: Stimmung ist bei dieser WM wichtiger als Leistung.

Und heute beginnt die Woche der Wahrheit. Was kommt auf uns zu? Schönreden bis zum letzten Atemzug – oder geht endlich was?

Meiner Meinung nach könnte der Bundestrainer ruhig einmal klare Kante praktizieren. Er ist ja ansonsten auch sehr schlagfertig und nimmt keine Hand vor den Mund. „Leroy, hat dir schon jemand gesagt, dass man auch versuchen kann, am Gegenspieler vorbeizukommen?“ Oder: „Aleksandar, das einzig Sichere bei dir ist der Kontostand.“ Und: „Manuel, ich habe eine schlechte Nachricht für dich …“ Oder: „Joshua, ab jetzt versuchen wir’s mal mit richtigem Fußball – ab ins Mittelfeld!“

Das wäre was!

Unglücklicherweise reicht Nagelsmann die Zeit nicht mehr, um alle Mängel zu beheben. Obendrein tauchen täglich neue Probleme auf, die in der Vorbereitung nicht thematisiert worden sind. Zum Beispiel: den Ball sauber stoppen.

Für Paraguay könnte das bisher Gezeigte heute (Anpriff 22.30 Uhr) eventuell reichen. Gegen Frankreich reicht es ganz sicher nicht. Gegen die Franzosen so weiterkommen wollen ist, als würdest du mit einem Würfel eine Sieben versuchen.

Leider muss ich übrigens zum Schluss anmerken, dass mich mein Bauchgefühl bei WMs und EMs bisher fast nie getäuscht hat. Und ich spüre seit Tagen starke Ribbeck-Russland-Hansi-Flick-Vibes.

Dabei würde ich gern total falsch liegen.


Hier bestellen: Die besten Steudel-Kolumnen als Buch

Titel: "Wäre, wäre, Fahrradkette - Die besten Fußball-Kolumnen von Alex Steudel seit 2020". 257 Seiten, 15,99 Euro: Hier bei Amazon bestellen! Wer fürs gleiche Geld portokostenfrei ein signiertes Exemplar haben möchte: Mail an post@alexsteudel.de schreiben.