Lahm verschärft den Druck: Nagelsmann muss sich bei Kimmich entscheiden
Vor dem Sechzehntelfinale gegen Paraguay fordert ein zweiter Weltmeisterkapitän die Rückkehr ins Mittelfeld. Eine Entscheidung, die das Turnier prägen kann.
Es war abzusehen, dass diese Debatte nicht leiser wird, wenn ein Turnier in die K.o.-Phase kippt. Nach Lothar Matthäus meldet sich nun Philipp Lahm zu Wort, in seiner WM-Kolumne für den kicker, und auch er will Joshua Kimmich zurück im Mittelfeld sehen. Zwei Weltmeisterkapitäne, dieselbe Forderung, und damit eine Lautstärke, die Julian Nagelsmann vor dem Sechzehntelfinale gegen Paraguay am Montagabend in Foxborough nicht mehr überhören kann. Die Frage ist nicht mehr, ob das Thema da ist. Sie lautet, wie der Bundestrainer damit umgeht.
Lahms Argumentation ist nüchtern, fast technisch. Kimmich habe „dort etwa zehn Jahre auf hohem Niveau gespielt, in der Nationalelf wie beim FC Bayern", schreibt er. Er würde der Mannschaft Stabilität geben, seine Stärken würden „deutlich mehr sichtbar werden". Kimmich könne „der Defensive helfen, genau wie der Offensive mit seinen tiefen Pässen". Das ist keine Polemik, sondern eine Funktionsbeschreibung – und sie trifft den wunden Punkt einer Mannschaft, die ihren Kapitän aktuell auf einer Position einsetzt, auf der seine Führungsstärke kaum sichtbar wird.
Dass Lahm dabei einen Mitspieler beim Namen nennt, macht die Kolumne ungewöhnlich scharf. „Aleksandar Pavlovic hat in diesem Turnier noch nicht wirklich überzeugt, ich erkenne unglaublich viele leichte Ballverluste", schreibt er, und weiter: „Er ist nicht optimal positioniert auf dem Feld. Ich sehe deshalb Joshua Kimmich im Mittelfeld." An Kimmichs Seite passe derzeit Felix Nmecha besser, somit „müsste Pavlovic aus der Startelf weichen". Es ist selten, dass ein ehemaliger Kapitän öffentlich eine personelle Konsequenz dieser Größenordnung formuliert.
Lahm denkt den Umbau auch zu Ende. Hinten rechts bietet er den Dortmunder Waldemar Anton an. „Ob links Nathaniel Brown oder David Raum spielt, macht keinen großen Unterschied. Rechts hinten tut man jedoch Kimmich keinen Gefallen. Seine Stärken und Führungsqualitäten sind im Mittelfeld gefragt." Das ist der Kern: Ein Kapitän muss von dort führen können, wo das Spiel entschieden wird. Rechtsverteidiger ist im modernen Fußball vieles, aber selten der Ort, an dem ein Anführer eine Mannschaft zusammenhält.
Nagelsmann hat den erneuten Positionswechsel bisher abgelehnt. Nach der Niederlage gegen Ecuador (1:2) fügte er allerdings einen Satz an, der nun zwangsläufig nachhallt: „Im Fußball sollte man nichts ausschließen." Mehr Spielraum kann sich ein Bundestrainer kaum offenlassen, ohne sich festzulegen. Es ist eine Tür, die nicht offen steht, aber auch nicht zu ist. Vor einem K.o.-Spiel ist das eine relevante Information.
Rudi Völler dagegen wählte am Samstag den eleganten Ausweg. Kimmich sei „da, wo er spielt, ganz gut aufgestellt", sagte der DFB-Sportdirektor in seiner Pressekonferenz. Das ist die Sprache eines Funktionärs, der weiß, dass jede klarere Aussage den Trainer in eine Ecke drücken würde. Aber sie wird die Debatte nicht beruhigen, sondern höchstens vertagen.
Bleibt der Montagabend. Wenn Nagelsmann Kimmich rechts hinten aufstellt, wird jeder Ballverlust im Mittelfeld als Argument der Kritiker gelesen. Stellt er ihn ins Zentrum, hat er eine Kehrtwende gemacht, die er vorher abgelehnt hat. Es ist die Art Entscheidung, die ein Turnier prägen kann – oder verkürzen.