DFB-Präsident Neuendorf in New York: Eine Mahnung, die über 90 Minuten hinausreicht
Der DFB-Präsident nutzt die UN-Bühne nicht für Diplomatie, sondern für klare Worte gegen das Verblassen der Erinnerung. Reden ist der Anfang, nicht das Ende.
Es ist eine Bühne, die nicht jedem DFB-Präsidenten zufällt: ein Panel im UN-Gebäude in New York City, eingeladen von den Vereinten Nationen, dem World Jewish Congress und der NGO „what matters", unter dem Titel „More than 90 Minutes - Sport and Football as a Platform to Fight Antisemitism and Discrimination". Bernd Neuendorf hat diese Bühne am Rande der Weltmeisterschaft genutzt, und er hat sie nicht für Diplomatie genutzt, sondern für eine Mahnung. Wer sich davon nichts erwartet hatte, weil Fußballfunktionäre bei solchen Anlässen gern in der Sphäre des Unverbindlichen bleiben, wurde an diesem Tag eines Besseren belehrt.
Neuendorf sagte Sätze, die in ihrer Klarheit nicht zu überhören sind. „Diskriminierung, Rassismus und Antisemitismus widersprechen den Werten des Fußballs. Sie widersprechen den Regeln der Menschlichkeit. Und deshalb setzen wir ihnen etwas entgegen: Unseren Fußball. Und damit Fair Play, Respekt und Zusammenhalt." Der DFB stehe für Vielfalt und gegen jede Form der Ausgrenzung, dieser Anspruch sei in der Satzung verankert. Das ist die institutionelle Selbstvergewisserung eines Verbandes, der seinen Wertekompass auf der größten denkbaren internationalen Bühne offenlegt.
Bemerkenswert ist, dass Neuendorf nicht bei den Werten stehengeblieben ist, sondern den historischen Boden benannt hat, auf dem der DFB steht. Er sprach von einer „teilweise beschämenden" Geschichte und davon, dass der Verband und die meisten seiner Repräsentanten sich mit dem NS-Regime gemein gemacht hätten. Das ist kein Satz, den man im Vorbeigehen sagt. Er enthält ein Eingeständnis, das in Festreden gewöhnlich unter der Oberfläche bleibt, und er begründet, warum der DFB heute eine Verantwortung trägt, die über sportliche Repräsentation hinausreicht. Wer die Vergangenheit so benennt, kann sich der Gegenwart nicht entziehen.
Genau dort liegt der Kern der Mahnung. „Gerade, wenn ich das Geschehen in Deutschland, in der Welt betrachte, dann habe ich das Gefühl, die Erinnerung verblasst", sagte der 64-Jährige. Es gebe Kräfte, die sich dies wünschten, „deshalb müssen wir klar sagen, heute und in Zukunft: Nie wieder!" Das ist eine politische Aussage, getroffen von einem Sportfunktionär in einem Raum, in dem Sportfunktionäre selten politisch werden. Und es ist eine Aussage, die nicht auf den Moment zielt, sondern auf die Dauer.
Dass Neuendorf diese Worte ausgerechnet während einer Weltmeisterschaft findet, gibt ihnen zusätzliches Gewicht. Ein Turnier ist eine globale Aufmerksamkeitsmaschine, und die Versuchung, sie nur sportlich zu bedienen, ist groß. Der DFB-Präsident hat sich anders entschieden. Schon zu Beginn der WM hatte er sich gemeinsam mit Generalsekretär Holger Blask und Sportdirektor Rudi Völler ein Bild von der Mexiko-Hilfe der DFB-Stiftung Egidius Braun gemacht und an den langjährigen Präsidenten Braun erinnert, der vorgelebt habe, „was eigentlich selbstverständlich ist": „Menschlich zu sein. Menschlichkeit zu zeigen, Menschlichkeit zu leben."
Man kann darüber streiten, wie weit die Stimme eines Verbandspräsidenten in gesellschaftlichen Debatten trägt. Aber man kann nicht bestreiten, dass Neuendorf in New York den Versuch unternommen hat, sie zu erheben. Der Fußball, sagt er der Sache nach, ist mehr als die 90 Minuten, die das Panel im Titel führte. Ob diese Botschaft über das Turnier hinaus wirkt, hängt nicht an einem Auftritt, sondern an dem, was im DFB und in seinen Vereinen danach folgt. Reden ist der Anfang. Nicht das Ende.