Infantinos WM-Rechnung: Wenn die Zahl wichtiger wird als das Spiel

Kaum ist das 48er-Feld gespielt, sind schon 64 Teams ein Thema. Doch woran misst sich der Erfolg einer WM eigentlich noch?

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Infantinos WM-Rechnung: Wenn die Zahl wichtiger wird als das Spiel
IMAGO/Gribaudi/ImagePhoto

Kaum ist die erste WM mit 48 Mannschaften gespielt, denkt Gianni Infantino schon über die nächste Zahl nach. 64 Teams – „auf jeden Fall ein Thema, das man nach dieser WM anschauen und in den Gremien diskutieren wird", sagte er dem Schweizer Sender blue Sport. Das Muster ist bekannt: Erst wird eine Aufstockung umgesetzt, dann als Erfolg verkauft, dann als Argument für die nächste benutzt. Die 48er-WM ist noch nicht bewertet, da dient sie bereits als Sprungbrett. Wer so vorgeht, will keine Debatte, er will eine Richtung vorgeben.

Infantinos Begründung klingt sympathisch. Die Fußball-Welt bestehe nicht nur aus Europa und Südamerika, „jede Nation soll davon träumen dürfen, bei der Weltmeisterschaft dabei zu sein". Das ist ein Satz, dem niemand widersprechen mag. Nur: Aus dem Recht zu träumen folgt nicht die Pflicht, das Teilnehmerfeld immer weiter zu öffnen. Ein Turnier lebt auch von seiner Knappheit – davon, dass die Qualifikation etwas wert ist. Wenn am Ende fast jeder dabei ist, verliert das Wort Weltmeisterschaft an Gewicht, egal wie viele Nationen sich freuen.

Als Beweis, dass von Verwässerung keine Rede sein könne, führt Infantino Kap Verde an und rechnet vor: Neun von zehn afrikanischen Teams hätten die K.o.-Phase erreicht, bei der letzten WM seien nur fünf Teams aus Afrika dabei gewesen. Von jedem Kontinent hätten Mannschaften Tore geschossen und mindestens einen Punkt geholt. Das ist ein starkes Bild, aber es taugt nur bedingt als Argument. Dass mehr Teilnehmer auch mehr Erfolgsgeschichten produzieren, ist keine Überraschung, sondern Arithmetik. Wer das Feld verdoppelt, bekommt zwangsläufig mehr Überraschungssieger – das belegt nicht die Qualität, sondern nur die Größe.

Verräterisch ist das eigentliche Motiv, das aus Südamerika kommt. CONMEBOL-Präsident Alejandro Domínguez wirbt für 64 Teams, um das hundertjährige Jubiläum der ersten Turnierauflage 1930 in Uruguay zu würdigen. Ein Turnierformat für eine Weltmeisterschaft sollte sich am Wettbewerb bemessen, nicht an einem runden Datum. 2030 ist ein Anlass zum Feiern, kein sportliches Argument. Wenn ein Jahrestag über die Zahl der Teilnehmer entscheidet, ist der Wettbewerb dem Symbolismus untergeordnet – und die Frage nach der besten Mannschaft der Welt wird zur Nebensache einer Geburtstagsfeier.

Man muss die Zusammenhänge nüchtern sehen. Die WM 2030 wird von Spanien, Portugal und Marokko ausgerichtet, Teile finden zudem in Paraguay, Uruguay und Argentinien statt. Ein über mehrere Kontinente verteiltes Turnier mit 64 Teams wäre ein Monstrum an Spielen, Reisen und Aufmerksamkeit. Mehr davon bedeutet nicht automatisch besser, und Wachstum ist kein Selbstzweck. Der Fußball hat kein Interesse daran, dass jede WM größer sein muss als die vorige, nur weil sie es kann.

Bleibt die entscheidende Frage: Woran misst die FIFA den Erfolg einer Weltmeisterschaft? An der Zahl der Teilnehmer, der zufriedenen Verbände, der verkauften Tickets – oder am sportlichen Kern? Infantinos Antwort deutet in eine Richtung, und sie ist nicht die des Wettbewerbs. Eine WM, die permanent wächst, um das Wachstum selbst zu feiern, verliert irgendwann das, was sie einmal besonders machte. Das Nachdenken über 64 Teams ist kein Fortschritt, sondern der Verdacht, dass die Zahl wichtiger geworden ist als das Spiel.

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