Infantinos Werbeshow: Viel interessanter ist, was der Fifa-Präsident nicht anspricht
Der Weltverbandspräsident verkauft die WM 2026 als Jahrhundertereignis. Auffällig ist vor allem, worüber er lieber schweigt.
Knapp einen Monat vor dem Eröffnungsspiel meldet Gianni Infantino Vollzug. Gastgeber und Weltverband seien gerüstet, die Vorbereitungen liefen „äußerst gut", die Begeisterung wachse. „Wir sind bereit", sagte der FIFA-Präsident am Mittwoch. Und damit man es auch wirklich hört: „Es beginnt sehr bald. Macht euch bereit. Wir sind es."
Man darf das lesen, wie Infantino es meint – als feierliche Ankündigung. Man darf es aber auch anders lesen. Der Mann, der eine WM über drei Länder, drei Zeitzonen und einen Kontinent streckt, verkauft sie als „größtes Sportereignis in der Geschichte unserer Welt". Das ist keine Einschätzung mehr, das ist Marktschreierei im Vatikan-Timbre. Wer sein Produkt so groß anpreist, hat entweder sehr viel zu bieten – oder er hat Angst, dass man genauer hinschaut.
Denn genau hinzuschauen, lohnt sich. Nehmen wir den Rasen. Fünf Jahre habe die FIFA daran gearbeitet, sagt Infantino, um „sicherzustellen, dass jedes Stadion einen perfekten Rasen hat". Fünf Jahre. Für Gras. Man kann das als Sorgfalt verbuchen oder als Eingeständnis, dass die Auswahl der Spielorte genau jene Probleme mitliefert, die man jetzt mit Millionenaufwand reparieren muss: Stadien, in denen Football gespielt wird, Hallen mit Dach, Untergründe, die mit Fußball auf Weltniveau erst einmal bekannt gemacht werden mussten. „Die Bühne ist der Rasen, und der Rasen muss perfekt sein", sagt Infantino. Richtig. Nur wurde die Bühne eben nicht nach dem Rasen ausgesucht, sondern nach dem Markt.
Auffällig ist, was in den Sätzen des FIFA-Präsidenten fehlt. Er spricht über Begeisterung, über Türen, die sich zur Welt öffnen, über das Willkommenheißen in den USA, in Kanada und Mexiko. Er spricht nicht über die politischen Spannungen zwischen diesen drei Gastgebern. Er spricht nicht über Einreisebedingungen, nicht über Ticketpreise, nicht über Reisewege, die Fans in diesem Turnier zumuten werden. Stattdessen die alte Formel: „Wir wollen inspirieren, wir wollen Möglichkeiten schaffen, und wir wollen das schönste Spiel der Welt feiern." Man kennt diesen Ton. Er ist die akustische Tapete, mit der die FIFA seit Jahren die Ränder ihrer Entscheidungen überklebt.
Sportlich erwartet Infantino ein offenes Turnier. Die WM 2022 in Katar habe gezeigt, „dass es sehr, sehr schwer vorherzusagen ist, wer gewinnen kann. Und es wird, wie immer, unglaubliche Überraschungen geben." Das ist die ehrlichste Passage dieses Auftritts. Der Satz über Katar sitzt – allerdings anders, als Infantino ihn gemeint hat. Er erinnert daran, dass jede WM ein Produkt ihres Gastgebers ist. Was dort gelang, gelang nicht trotz, sondern in einem Rahmen, den die FIFA gesetzt hat. Das wird 2026 nicht anders sein.
Und dann ist da noch dieser Satz, den Infantino nachschiebt: Man wolle die Welt „vereinen. Und unsere Welt braucht das natürlich auch." Der zweite Teil stimmt. Der erste Teil ist ein Anspruch, den ein Fußballturnier nicht einlösen kann und nie einlösen musste. Eine WM muss gut organisiert sein, fair ausgetragen werden und am Ende einen Weltmeister finden, der diesen Titel sportlich verdient hat. Das ist genug. Wer mehr verspricht, verspricht in der Regel zu viel.
In einem Monat geht es los. Wir sind gespannt. Bereit ist, bis zum Anstoß, erst einmal nur Infantino.