Eine Tafel aus der Kabine: Wie der Iran in Los Angeles Danke sagt
Nach dem 0:0 gegen Belgien hinterlässt das Team Melli eine Botschaft, die mehr ist als Höflichkeit. Manchmal sagt der Sport mehr, wenn er weniger sagt.
Eine Tafel in einer WM-Kabine, beschrieben mit der Hand, abfotografiert, auf Telegram geteilt: Was der Iran nach dem 0:0 gegen Belgien in Los Angeles hinterlassen hat, ist auf den ersten Blick eine Höflichkeitsgeste. Auf den zweiten Blick ist es mehr. „Wir sind mit Stolz nach Los Angeles gekommen, haben mit sportlichem Fairplay gekämpft und verlassen diese Stadt mit hoch erhobenem Kopf. Los Angeles, vielen Dank für eure Gastfreundschaft", schrieb das Team Melli. Eine Mannschaft aus dem Iran bedankt sich bei einer Stadt in den Vereinigten Staaten. In dieser Nüchternheit ist der Satz bemerkenswert genug.
Man muss die politische Großwetterlage zwischen Teheran und Washington nicht in jedem Halbsatz mitschleppen, um zu erkennen, dass eine solche Geste nicht zufällig formuliert ist. Der Iran spielt seine Vorrundenpartien in einem Land, mit dem sein eigener Staat seit Jahrzehnten kein normales Verhältnis pflegt, und entscheidet sich dafür, das nicht zu thematisieren — sondern danke zu sagen. Der Adressat ist dabei genau gewählt: nicht die USA, nicht der Gastgeberverband, sondern Los Angeles. Eine Stadt, in der eine der größten iranischen Diasporagemeinden der Welt lebt. Dass die Spieler das wissen, darf man unterstellen.
Sportlich war der Abend gegen Belgien ein torloses Unentschieden, und der Iran hatte zuvor bereits sein Auftaktspiel gegen Neuseeland 2:2 in Los Angeles bestritten. Zwei Punkte aus zwei Spielen, die Tür zur K.o.-Phase ist offen, das Gruppenfinale gegen Ägypten am kommenden Samstag wird in Seattle ausgetragen. Das Teamcamp liegt im mexikanischen Tijuana, was die geografische Pendelbewegung dieser Mannschaft schon beschreibt: angereist über die Grenze, gespielt in den USA, untergebracht in Mexiko. Wer so unterwegs ist, sammelt zwangsläufig Beobachtungen, die über die 90 Minuten hinausgehen.
Der Schlusssatz der Tafel macht dann das, was solche Gesten immer tun, wenn sie ernst gemeint sind: Er hebt die Aussage von der konkreten Stadt auf eine allgemeine Ebene. „Wir wünschen uns Frieden, Respekt und Freundschaft unter allen Nationen der Welt." Man kann diesen Satz als Floskel lesen, wie sie auf jeder zweiten internationalen Bühne fällt. Man kann ihn aber auch dort verorten, wo er entstanden ist — in einer Kabine in Los Angeles, geschrieben von Spielern, deren Pässe ein anderes politisches Vorzeichen tragen als das Land, in dem sie gerade Fußball spielen.
Was bleibt, ist eine Tafel und ein bemerkenswerter Tonfall. Keine Provokation, keine Demonstration, kein Statement im großen Stil. Nur ein Dank, eine Erinnerung an die eigene Anhängerschaft und ein Wunsch, der so universell ist, dass er an dieser Stelle, in diesem Moment, doch sehr konkret klingt. Manchmal sagt der Sport mehr, wenn er weniger sagt.