Harte Linie bei der WM 2026: Acht Platzverweise nach vierzig Spielen

Glatte Rote Karten statt Gelb-Rot, eine neue Regel, ein XXL-Format: Das Turnier produziert ungewohnt viel Reibung — und die Unparteiischen greifen durch.

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Harte Linie bei der WM 2026: Acht Platzverweise nach vierzig Spielen
IMAGO/SOPA Images

Acht Platzverweise nach vierzig von 104 Spielen: Diese Zahl steht im Raum, und sie steht da nicht zufällig. Bei der WM in den USA, Mexiko und Kanada haben die Schiedsrichter bereits doppelt so oft Rot gezeigt wie während des gesamten Turniers in Katar 2022, als am Ende vier Platzverweise in der Statistik standen. Nathan Ngoy, der belgische Verteidiger, war beim 0:0 gegen den Iran am Sonntagabend der vorerst letzte in dieser Reihe. Eine Notbremse, eine Rote Karte, ein Eintrag in einer Liste, die ungewöhnlich schnell wächst.

Bemerkenswert ist dabei nicht nur die Häufung, sondern auch ihre Form. Alle acht Platzverweise sind glatte Rote Karten, Gelb-Rot fehlt bislang vollständig. Das ist eine Statistik, die man so erstmal sortieren muss. In früheren Turnieren war es genau umgekehrt: Bei der WM 2006 in Deutschland, dem Rekordturnier mit 28 Platzverweisen, waren nur neun Karten direkt Rot. Allein die „Schlacht von Nürnberg" zwischen Portugal und den Niederlanden brachte es auf vier Gelb-Rote Karten in einem einzigen Spiel.

Schon das Eröffnungsspiel gab den Ton vor. Beim Auftakt zwischen Mexiko und Südafrika mussten gleich drei Spieler frühzeitig in die Kabine. Hier wird ein Muster erkennbar, das die Frage aufdrängt, ob die Schiedsrichter eine andere Linie fahren als zuletzt, ob die Spieler sich anders verhalten oder ob beides zusammenkommt. Eine eindeutige Antwort gibt die bisherige Datenlage nicht, aber sie verlangt nach genauerem Hinsehen, je weiter das Turnier fortschreitet.

Dazu kommt eine neue Regel, die in Nordamerika erstmals bei einer Endrunde greift. Paraguays Miguel Almiron hielt sich bei einer Auseinandersetzung mit dem Türken Mert Müldür den Mund zu — eine Geste, die nun ausdrücklich geahndet wird. Almiron ist damit der erste Spieler, der bei einer WM-Endrunde wegen dieses Vergehens bestraft wurde. Eine Premiere, die sich gut in die Statistik einreiht, aber die Disziplinfrage nicht beantwortet, sondern erweitert.

Der Vergleich mit den vorherigen Turnieren wird dadurch erschwert, dass das Format sich verändert hat. Seit 1998 in Frankreich, als 22 Platzverweise notiert wurden — die zweitmeisten überhaupt — fanden Endrunden im alten Modus mit 64 Spielen statt. In Südafrika 2010 waren es 17 Platzverweise, 2014 in Brasilien zehn, in Russland 2018 und in Katar 2022 jeweils vier. Die Tendenz ging klar nach unten. Beim XXL-Turnier in Nordamerika kommen nun aber 40 Partien dazu, und allein dieser Aufschlag verändert die Bezugsgröße fundamental.

Acht Platzverweise nach vierzig Spielen — hochgerechnet wären das bei 104 Partien rund zwanzig. Das wäre weit weg vom Rekord aus 2006, aber deutlich über dem Niveau der letzten beiden Turniere. Ob die Marke von 28 fällt, hängt von Faktoren ab, die sich vorab kaum bemessen lassen: vom Verlauf der K.-o.-Phase, von der Auslegung der neuen Regel, von der Anzahl umstrittener Szenen in den verbleibenden 64 Spielen. Was sich aber jetzt schon sagen lässt: Das aufgeblähte Format produziert nicht nur mehr Spiele, sondern auch mehr Reibungsfläche. Und die Schiedsrichter scheinen entschlossen, diese Reibung mit harten Mitteln zu regulieren.