Ein Uefa-Brief ohne Namen – und Infantino ohne Rückweg
Drei Kontinentalverbände werfen dem FIFA-Chef Täuschung vor, ohne ihn zu adressieren. Einen Gegenkandidaten für 2027 haben sie nicht.
Sechs Unterschriften stehen unter dem offenen Brief an die „Fußball-Familie“: UEFA-Präsident Aleksander Ceferin, AFC-Präsident Salman bin Ibrahim Al Chalifa, CONCACAF-Chef Victor Montagliani, dazu die Generalsekretäre der drei Konföderationen. Ein Name kommt in dem Schreiben nicht vor, obwohl jeder Satz ihm gilt: der von FIFA-Präsident Gianni Infantino. Auf die namentliche Nennung wurde verzichtet.
„Wenn Vertrauen durch Täuschung gebrochen wird, wenn sich eine Person über das Kollektiv stellt, das ihr Autorität anvertraut hat, dann wurde diese Pflicht vernachlässigt“, heißt es darin. Wer so formuliert und den Adressaten weglässt, führt keinen Wahlkampf, sondern legt ein Protokoll an. Und darin liegt die Wirkung dieses Briefes: Er lässt sich nicht mehr zurücknehmen.
Denn die Verfasser greifen nicht eine Personalie an, sondern eine Erzählung. „Fußball ist die größte gemeinsame Leidenschaft der Welt. Er gehört weder einer Einzelperson noch einer Institution“, schreiben sie. Das Wachstum der FIFA sei „real“, aber „niemals das Werk einer einzelnen Person“ gewesen. Das ist der Satz, der in Zürich am meisten schmerzt.
Die FIFA hatte am Wochenende zum Rundumschlag angesetzt: „Es wird immer deutlicher, dass es gezielte und anhaltende Bemühungen einiger Akteure gibt, die FIFA und ihren Präsidenten zu untergraben.“ Fehler rund um den geplatzten Investorendeal räumte der Verband ein. Überzeugt hat das die drei Konföderationen nicht.
Infantino ist bislang der einzige erklärte Kandidat für die Wahl im März 2027. Gegen ihn stehen drei Kontinentalverbände – und trotzdem kein einziger weiterer erklärter Kandidat. Ein offener Brief, der niemanden aufstellt, kostet den Amtsinhaber keine einzige Stimme: In sechzehn Monaten wird ein Mann bestätigt, dem drei Präsidenten schriftlich Täuschung vorwerfen.
Nur bemisst sich dieser Konflikt nicht am Wahlzettel. Der härteste Punkt des Briefes betrifft die Aufarbeitung, weil die angekündigte Prüfung der Vorfälle der vergangenen Wochen nicht vollständig von einer unabhängigen Instanz erfolgen soll. „Es herrscht Schweigen, wo Rechenschaftspflicht, und Distanz, wo Offenheit herrschen sollte“, heißt es dazu. Diese Forderung verschwindet nicht, wenn Infantino gewählt wird – sie wächst.
Auffällig ist, wie eng die Verfasser ihren Angriff halten. Es gehe nicht darum, die Mitgliedsverbände zu spalten oder gemeinsam getroffene Entscheidungen wie die Vergabe von Weltmeisterschaften zu revidieren, sondern „um etwas Grundlegenderes: die Integrität des Spiels und die Integrität derjenigen, die gewählt wurden, um es zu führen“. Diese Selbstbeschränkung ist keine Schwäche, sie nimmt der FIFA die bequemste Verteidigung. Wer nichts umstürzen will, lässt sich schwer als Umstürzler abstempeln.
Der Vorwurf selbst ist präzise: Ein Vorschlag, der unter Zeitdruck und ohne sinnvolle Konsultation auf eine Frist hin vorangetrieben wurde, sei „nicht das Ergebnis eines Versehens, sondern das Ergebnis einer Absicht, die darauf abzielte, die Kontrolle einzuschränken“. Der Versuch, die „FIFA-Weltmeisterschaft zu verkaufen“, sei ein grundlegender Vertrauensbruch gegenüber genau jenen Institutionen, denen die FIFA dienen soll. Das ist keine Stilkritik, das ist ein Vorwurf an die Amtsführung.
Deshalb unterschätzt jeder die Lage, der sie auf die fehlende Kandidatur reduziert. Ein Präsident, dem Europa, Asien und Nord- und Mittelamerika samt Karibik gemeinsam die Grundlage seiner Legitimation bestreiten, regiert weiter – aber er regiert unter Beobachtung, mit einem Dokument in der Ablage, das bei jeder künftigen Entscheidung zitiert werden kann.
Infantino kann die Wahl im März 2027 gewinnen, ohne Gegner sogar mühelos. Zurückholen, was ihm drei Kontinentalverbände schriftlich abgesprochen haben, kann er damit nicht.
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