Leidensgefährte Italien: Sie müssen sogar die zweite Liga abgrasen
Fever Pit'ch-Kolumnist Alex Steudel über den Niedergang der Squadra Azzurra – dagegen geht's dem deutschen Fußball richtig gut
Unten an der Elbe in Hamburg gibt es einen Italiener, zu dem Kollegen und ich früher manchmal zum Mittagessen gegangen sind. Er heißt "Lust auf Italien". Daran musste ich plötzlich denken, als ich die vorliegende Kolumne in Angriff nahm. Denn sie handelt vom italienischen Fußball.
Die Nationalelf ist im Eimer, die Serie A längst nicht mehr das, was sie einmal war: ein Sammelbecken der Superstars. Maradona, die Ronaldos, Ronaldinho, Matthäus, Zidane, van Basten, Platini. Wer was auf sich hielt, ging früher nach Italien. Dann wendete sich das Blatt. Heute hat niemand Lust auf Italien.
Italien befindet sich im Neuaufbau, und es holpert ähnlich wie beim DFB. Die Mannschaft steht in der Nations League auf Platz drei von vier, heute geht's in Paris gegen die Franzosen. Es ist zwar keine italienische Spezialität, ich muss trotzdem gerade an Geschnetzeltes denken.
Passenderweise ist Roberto Mancini Trainer der Italiener. Dem Mann wird vorgeworfen, in seiner Zeit bei ManCity doppelt abkassiert zu haben. Immerhin setzt Mancini auf junge, neue Spieler. Nicht auf so viele wie der deutsche Nationaltrainer Jürgen Klopp, aber das geht ja auch gar nicht. Neun Debütanten sind jedoch nicht schlecht.

Das Ausmaß der italienischen Krise wird einem erst richtig bewusst, wenn man genauer hinschaut: Sogar ein Zweitligaspieler wie Mohamed Ali Zoma hat es in Mancinis Kader geschafft. Beim 0:2 gegen Belgien kam der Nürnberger zu einem Kurzeinsatz. Danach gewannen die Italiener, die beim 0:2 ausgepfiffen worden waren, immerhin gegen die Türken, aber die stecken ja selbst in einer tiefen Krise.
"Wenn man verliert, gibt es die Pfiffe, aber es war nicht alles schlecht", sagte Mancini. "Es wird schöner sein, wenn wir den Gipfel des Everest erreichen." Everest? Weiß der Mann was, das sonst niemand weiß? Zurzeit stehen die Italiener höchstens auf einer Sanddüne.
Gemessen am Niedergang des italienischen Fußballs kann man jedenfalls sagen: Die Deutschen haben noch Glück gehabt. Um sich bei einer Weltmeisterschaft blamieren zu können, muss man nämlich erst mal bei einer Weltmeisterschaft dabei gewesen sein.
Die letzte WM, an der Italien teilnahm, liegt zwölf Jahre zurück. 2014 verlor Italien gegen Costa Rica und Uruguay, schied in der Gruppenphase aus und ward nie mehr gesehen: Die Turniere 2018, 2022 und 2026 fanden ohne die Azzurri statt, die aber – niemand weiß wie – zwischendurch Europameister wurden.
(Kleiner Erklärungsversuch am Rande: In der Medizin nennt man das Phänomen, kurz vor dem endgültigen Abgang noch mal gesund und wach zu wirken, "terminale Klarheit".)
Italien ist, wie Deutschland, viermaliger Weltmeister. Heute sind wir nach wie vor auf gleicher Höhe – aber ganz anders, als wir alle uns das vor 20 Jahren vorgestellt haben. 2006 startete Deutschland mit dem Sommermärchen durch, und Italien wurde Weltmeister. 2026 belegen Deutschland und Italien in der Fifa-Weltrangliste Platz 14 und 15.
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