Die deutsche Torwartfrage: Erstmals seit 50 Jahren wirklich offen
Ein Ersatzmann als künftige Nummer eins der Nationalelf? Klopp erbt keine Gewissheit mehr, sondern eine Baustelle.
Fünf Jahrzehnte lang war die deutsche Torwartfrage keine Frage, sondern ein Besitzstand. Wer im Tor der Nationalmannschaft stand, war zugleich die Nummer eins in seinem Verein, oft sogar in der Liga. Diese Selbstverständlichkeit ist verschwunden, und Lothar Matthäus benennt das mit einem Satz, der bei aller Zuspitzung stimmt: "Das hat es, glaube ich, noch nie gegeben, dass eine Nummer zwei im Verein in einer großen Fußballnation wie Deutschland dann die Nummer eins ist." Wenn der Rekordnationalspieler das über 50 Jahre hinweg als Novum markiert, dann sollte man genau hinhören.
Der Fall Jonas Urbig führt die neue Lage vor. Der 22-Jährige gilt als Favorit, unter dem künftigen Bundestrainer Jürgen Klopp der Stammtorwart des DFB zu werden – und sitzt beim FC Bayern hinter Manuel Neuer. Der 40-Jährige spielt für die Nationalmannschaft nicht mehr, hat in München aber um ein weiteres Jahr verlängert. Das ergibt die absurde Konstellation, dass ein Klub-Ersatzmann international die höchste Stufe erklimmen könnte, während er im eigenen Verein wartet. Matthäus sieht bei Urbig "große Chancen" und erwartet mehr Einsatzzeiten in München. Doch Chancen und Einsatzzeiten sind Konjunktive, keine Gewissheiten.
Man muss sich vor Augen halten, wie weit der Weg noch ist. Bei der WM in Amerika war Urbig lediglich Trainingstorhüter, er gehörte nicht einmal zum offiziellen 26-Spieler-Kader. Vom Rand des Trainingsbetriebs zur Nummer eins einer WM-Nation – das ist kein sanfter Aufstieg, sondern ein Sprung. Wer diesen Sprung als naheliegend verkauft, verkennt, dass Torhüter nicht aus dem Nichts Autorität gewinnen. Sie brauchen Spiele, Verantwortung, das Vertrauen eines Klubs, der sie nicht länger auf die Bank setzt.
Die Alternative macht die Verlegenheit nur deutlicher. Matthäus nennt "einige" Kandidaten, darunter Oliver Baumann, den Julian Nagelsmann degradiert hat. Ein 36-Jähriger, den der bisherige Bundestrainer bereits zurückgestuft hat, taugt kaum als Zukunftslösung. Bei der WM war Neuer als Rückkehrer die Nummer eins vor Baumann und Alexander Nübel, der neuerdings in Istanbul spielt. Die Bilanz dieser Aufzählung: viele Namen, keine Hierarchie.
Genau das ist der Kern. Matthäus sieht "keine klare Nummer eins, wie wir sie in den vergangenen 50 Jahren gehabt haben". Das ist keine Randnotiz, das ist ein Bruch mit einer deutschen Gewissheit, die über Generationen hielt. Über ein halbes Jahrhundert konnte sich das Nationalteam darauf verlassen, dass die Torwartposition die stabilste im Kader war. Nun ist sie die offenste. Klopp erbt keine gesicherte Lösung, sondern eine Baustelle.
Dass Klopp die Position "in Ruhe durchdenken" wolle, klingt vernünftig – und ist doch ein Eingeständnis. Ruhe braucht man dort, wo keine Klarheit herrscht. Ob Urbig den Sprung schafft, entscheidet sich nicht auf der DFB-Ebene, sondern in München, wo Neuer weiter vor ihm steht. Solange sich das nicht ändert, bleibt die Beförderung eines Ersatzmanns zur Nummer eins genau das, was Matthäus beschreibt: etwas, das es so noch nie gab. Der deutsche Fußball muss lernen, dass die Torwartfrage wieder eine echte Frage ist.
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