Adeyemi und der BVB: Freigestellt für das eigene Scheitern

Dortmund verkauft, was vom Talent von 2022 übrig ist. Warum werden aus den Hochgehandelten so selten die Unverzichtbaren?

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Adeyemi und der BVB: Freigestellt für das eigene Scheitern
IMAGO/Eibner

Es gab einen Sommer 2022, da galt Karim Adeyemi als eine der Antworten auf die immergleiche BVB-Frage: Wie hält man Talent, wie macht man aus Versprechen Titel? Dortmund holte ihn von Red Bull Salzburg, ein 24-Jähriger von heute war damals ein 20-Jähriger mit Perspektive. Nun steht er nicht bei der Leistungsdiagnostik zum Saisonauftakt, sondern ist freigestellt für Gespräche mit anderen Vereinen. Der Verein formuliert es nüchtern, fast beiläufig. Doch hinter dieser Formel steckt eine Bilanz, die man beim BVB nicht gern laut ausspricht. 146 Pflichtspiele, 36 Tore: Das ist keine schlechte Zahl, aber es ist auch keine, die eine Ära begründet. In der Endphase der abgelaufenen Saison kam Adeyemi kaum noch von Beginn an zum Einsatz, muskuläre Probleme plagten ihn zwischenzeitlich. Aus dem Talent, das die Champions League entscheiden sollte, wurde ein Spieler, den der eigene Klub ziehen lässt, ehe der bis 2027 laufende Vertrag zur Belastung wird. Man kann das Pragmatismus nennen. Man kann es auch das Eingeständnis eines Versprechens nennen, das sich nicht eingelöst hat. Interessanter als das Wie ist das Wieviel. Eine Sockelablöse von 22 Millionen Euro, dazu bis zu neun Millionen an Boni, dazu eine Weiterverkaufsklausel von 35 Prozent: So sieht die Realität moderner Transferkonstruktionen aus, wenn ein Klub aus einer Position der Schwäche verhandelt. Dortmund verkauft nicht den Marktwert eines Nationalspielers, sondern das, was von ihm übrig ist. Die 35 Prozent sind dabei die eleganteste Formulierung von Hoffnung, die der Fußball kennt: Wir glauben zwar nicht mehr genug an ihn, um ihn zu behalten, aber wir würden gern mitverdienen, falls ein anderer recht behält. Dass Adeyemi in Katalonien einen Fünfjahresvertrag erhält, während der BVB ihn zur Sockelablöse abgibt, ist der eigentliche Kontrast dieses Wechsels. Barcelona plant fünf Jahre mit ihm, Dortmund plante bis 2027 und gab vorher auf. Und die Personalie liest sich fast wie eine Fügung: Ausgerechnet Hansi Flick, sein wohl neuer Trainer, berief ihn im September 2021 erstmals in die Nationalmannschaft. Elf Länderspiele stehen zu Buche, den WM-Zug verpasste er diesen Sommer. Wer ihn früh sah, holt ihn jetzt zurück. Wer ihn kaufte, gibt ihn ab. Der zweite Name an diesem Tag verdient mehr als eine Fußnote. Kjell Wätjen kam 2015 mit elf Jahren in die BVB-Jugend, zehn Jahre später gelang ihm der Durchbruch bei den Profis nicht, vergangene Saison spielte er leihweise beim Zweitligisten VfL Bochum. Nun zieht es ihn zum FC Midtjylland zu Ex-Coach Mike Tullberg. Zwei Abgänge, ein Muster: Dortmund als Durchgangsstation, nicht als Ziel. Der eine kam als fertiges Talent und geht als Kompromiss, der andere kam als Kind und geht ohne Durchbruch. Man wird beim BVB die 22 Millionen plus Boni als vernünftiges Geschäft verbuchen, und rein betriebswirtschaftlich mag das stimmen. Aber ein Klub, der von seinen Talenten lebt, muss sich fragen lassen, warum aus den Hochgehandelten so selten die Unverzichtbaren werden. Adeyemi ist nicht gescheitert, er wechselt zu einem der größten Klubs Europas. Gescheitert ist die Erzählung, die Dortmund 2022 an ihn knüpfte. Freigestellt für Gespräche mit anderen Vereinen: Das ist der Satz, mit dem der BVB seine eigenen Versprechen verabschiedet. Unbedingt lesen: "Gespräche mit anderen Vereinen": BVB stellt Adeyemi frei