Was der deutsche Fußball von Thomas Tuchel lernen muss
Fever Pit'ch-Kolumnist Alex Steudel über den deutschen Trainer der englischen Nationalmannschaft, die im Halbfinale auf Argentinien trifft
Wenn ich bei dieser WM die Three Lions sehe, die nicht besonders gut spielen, aber immer gewinnen, und anschließend die Analysen des deutschen England-Trainers Thomas Tuchel höre, muss ich daran denken, wie gnadenlos Bundestrainer Julian Nagelsmann, Sportdirektor Rudi Völler und ihre Nationalspieler jeden halbgaren deutschen WM-Auftritt schöngeredet haben. Und dann wird mir nachträglich schlecht.
Ich bin bei diesem Turnier inzwischen England-Fan geworden. Aber nicht wegen der Engländer. Nicht, weil der Trainer aus Deutschland kommt. Sondern weil es Thomas Tuchel ist. Für mich ist ein Spiel neuerdings erst zu Ende, wenn ich gehört habe, was er zu sagen hat.
Tuchel ist menschgewordene Wahrheit. Er geht den Weg des größten Widerstandes. Kritisiert im Moment des Erfolges die eigenen Stars, ist nach dem Spiel zu 100 Prozent im Thema. "Ziemlich schlampig, viele technische Fehler, nicht schnell genug und die Abläufe nicht oft genug wiederholt. Heute hatten wir einfach Glück", sagte er nach dem 2:1 n. V. gegen Norwegen und fiel bei dieser Gelegenheit gleich noch über den Interviewer her, weil der nach mangelhafter Einstellung der Spieler gefragt hatte.
"Es geht nicht um Mentalität, es ist kein Mentalitätsproblem", schrie Tuchel. "Das ist pure Mentalität, das kannst du in Flaschen abfüllen und verkaufen."
Legendär. Dieses Tuchel-Interview ist mein persönlicher Höhepunkt eines Turniers, das mir ansonsten zu oft von Hintendrinstehen, Müdigkeit und Gelaber bestimmt wird.

"Früher hätten wir einen Trainer gehabt, der gesagt hätte: ‚Ja, wir haben zusammengehalten, und wir waren brillant, großen Respekt.' Aber er hat nichts davon getan", sagte Englands Sturmlegende Alan Shearer am Samstag. "Ich denke, das zeigt seine großartige Mentalität und erklärt, wie erfolgreich er bisher ist."
Tuchel ist der Mann ohne Blatt vor dem Mund und die englische Presse jedes Mal aufs Neue fassungslos. Wie kann aus einem einzelnen Menschen vor Milliardenpublikum so viel ungeschönte Wahrheit fließen, obwohl er gerade ganz England glücklich gemacht hat? Wie kann er damit durchkommen?
Weil England, das Mutterland des Fußballs, in der 76-jährigen WM-Geschichte erst zum vierten Mal in einem Halbfinale steht. Klar, dank der beiden Topspieler Harry Kane und Jude Bellingham, aber vor allem wegen Thomas Tuchel.
Seine Art funktioniert, wenn man bereit ist zuhören und zu leiden. Tuchel hält die Leine kurz, trifft gnadenlos schmerzhafte, unpopuläre, aber offensichtlich richtige Entscheidungen – das war schon bei der WM-Nominierung und ist bei diesem Turnier auch bei Auswechslungen so.
Die meisten englischen Profis liegen dem 52-Jährigen dafür zu Füßen. Mit offenen Mündern lauschen sie und eine ganze Nation dem importierten "Manager". Selbst Ex-Stars wie Wayne Rooney und David Beckham knien nieder.
Jetzt steht England dank Tuchel im WM-Halbfinale gegen Argentinien – und der deutsche Fußball ist da, wo er hingehört: im Urlaub. Mal sehen, ob Bundestrainer Jürgen Klopp die Tuchel-Härte nach seinem zweijährigen Sabbatical noch in sich hat.
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