Anruf genügt: Die FIFA gibt sich selbst preis
Erst die Rote Karte, dann das Telefonat aus Washington, dann die Aufhebung. Was bleibt vom Weltverband, wenn Politik die naheliegendste Erklärung ist?
Man muss die Nachricht zweimal lesen, um sicherzugehen, dass sie stimmt. Folarin Balogun, der amerikanische Stürmer, hat im Sechzehntelfinale gegen Bosnien-Herzegowina (2:0) die Rote Karte gesehen, nach einem unglücklichen Foulspiel an Tarik Muharemovic. Die FIFA sperrte ihn für ein Spiel. Und dann, wenige Tage später, hebt derselbe Weltverband dieselbe Sperre auf, und Balogun darf morgen im Achtelfinale gegen Belgien auflaufen. Dazwischen liegt, wenn man den übereinstimmenden Medienberichten folgt, ein Telefonat. Mehrere sogar.
Die New York Times hat es zuerst beschrieben, und die Formulierung ist so nüchtern, dass sie umso lauter klingt: US-Präsident Donald Trump habe zum Hörer gegriffen, um FIFA-Präsident Gianni Infantino um eine Überprüfung der Sperre zu bitten. Der Guardian schreibt, Trump habe sich an den Weltverband gewandt, um auf diese Änderung zu drängen. Der Telegraph verknüpft den Anruf direkt mit der Aufhebung. Und die New York Post, in ihrem Ton, bringt es auf die vielleicht ehrlichste Zeile: Er hat die Trump-Karte ausgespielt. Ein Präsident, ein Anruf, eine Rote Karte weniger.
Man kann diesen Vorgang aus verschiedenen Winkeln betrachten, aber keiner davon ist für die FIFA schmeichelhaft. Der sportliche Winkel: Belgien bereitet sich auf ein Achtelfinale vor, in dem der Gegner plötzlich einen Stürmer mehr im Kader hat, den er nach den geltenden Regeln nicht haben dürfte. Rudi Garcia, so schreibt es das Nieuwsblad, habe damit nicht gerechnet. Der Telegraph berichtet, das verblüffte Belgien ziehe rechtliche Schritte in Erwägung. Das ist der Punkt, an dem eine Regelentscheidung zum Rechtsfall wird.
Der zweite Winkel ist der institutionelle. Ein Weltverband, der Sperren nach Rücksprache mit einem Staatsoberhaupt revidiert, gibt seine eigene Grundlage preis. Die Gazzetta dello Sport formuliert es scharf: Die Entscheidung gehe über jede Logik hinaus und vor allem über Gerechtigkeit und die Einhaltung der Regeln. Marca weist darauf hin, dass Trump sich für die Aufhebung sogar bedankt habe. CNN schreibt, die FIFA habe die Fußballwelt verblüfft, und Trumps Rolle stehe nun im Fokus der Aufmerksamkeit. Wenn ein Verband es zulässt, dass eine politische Intervention zur naheliegendsten Erklärung für eine seiner Entscheidungen wird, hat er ein Problem, das größer ist als ein Achtelfinale.
Der dritte Winkel ist der grundsätzliche. Wie unabhängig ist die FIFA, wenn ein Präsident anrufen kann und danach eine Sperre fällt? Die Frage klingt zugespitzt, aber sie ergibt sich aus der Chronologie, die die internationale Presse dokumentiert: erst die Rote Karte, dann das Telefonat, dann die Aufhebung. Het Laatste Nieuws spricht von Empörung bei der WM. Le Parisien fragt fast belustigt, ob Balogun sich je hätte vorstellen können, im Mittelpunkt eines Trump-Anrufs zu stehen. Wahrscheinlich nicht. Nur dass es eben nicht mehr um Balogun geht.
Am Dienstagmorgen wird der Ball in Belgien-USA rollen, und Balogun wird auf dem Platz stehen. Die sportliche Entscheidung fällt dort. Die andere, die die FIFA selbst betrifft, ist längst gefallen, ohne dass ein Schiedsrichter gepfiffen hat. Sie steht in den Zeitungen dieser Welt, von New York bis Mailand, und sie lautet: Ein Anruf hat gereicht. Das ist die eigentliche Nachricht dieses Achtelfinales.