Andreas Rettig nimmt Uli Hoeneß ins Visier — mit Spickzettel und Haltung
Der DFB-Geschäftsführer stellt sich ungewöhnlich offen vor Nagelsmann und tritt nebenbei auch der FIFA auf die Füße. Ein Abend mit Ansage.
Andreas Rettig hat am Dienstagabend etwas getan, was DFB-Funktionäre üblicherweise vermeiden: Er hat sich den mächtigsten Kritiker des Bundestrainers öffentlich vorgenommen, namentlich, mit Spickzettel, Punkt für Punkt. Schauplatz war eine Veranstaltung des Heimatvereins „Düsseldorfer Jonges", und man kann nicht behaupten, der DFB-Geschäftsführer habe sich in diplomatische Wendungen geflüchtet. „Erstaunt" habe ihn die zuletzt immer schärfere Kritik an Julian Nagelsmann, vor allem die von Uli Hoeneß, und „einfach unnötig" seien die Angriffe. Das ist, in der Währung solcher Abende, eine Ansage.
Der Satz, den man sich merken wird, geht so: „Ich kann mich nicht erinnern, dass jemand vom DFB Herrn Hoeneß gebeten hat, ein Zwischenzeugnis für Herrn Nagelsmann auszugeben." Dahinter steckt mehr als Spott. Rettig spricht dem Ehrenpräsidenten des FC Bayern die Zuständigkeit ab, öffentlich über einen Bundestrainer zu urteilen, den niemand um diese Bewertung gebeten hat. Und er kenne, sagt Rettig, auch die Motivation nicht, „was ihn da jetzt reitet". Wer die Tonalität einordnen kann, weiß: So redet man nicht über einen Funktionär, mit dem man am nächsten Morgen wieder telefonieren möchte.
Rettig arbeitet sich entlang der Vorwürfe. Dass Nagelsmann nach einem Gespräch mit Hoeneß „leicht beleidigt" reagiert haben soll, wie der Bayern-Patron berichtet hatte, könne er nicht nachvollziehen. In zweieinhalb Jahren Amtszeit sei der Bundestrainer „kein einziges Mal beleidigt" gewesen, auch wenn es „mal gekracht hat". Den Nachsatz, „Manchmal hängt es auch davon ab, wer der Absender ist", muss man nicht übersetzen. Hier zielt jemand, und er zielt präzise.
Zur Kritik, die Nationalmannschaft sei einen Monat vor WM-Beginn nicht eingespielt, hält Rettig eine Zahl dagegen: In den jüngsten sechs Länderspielen hätten „immer mindestens acht, in der Spitze bis zu zehn" Spieler verletzt gefehlt. Das könne man dem Trainer nicht vorwerfen. Dazu der Hinweis, dass ausgerechnet Hoeneß' Bayern einst 25 Millionen Euro Ablöse für Nagelsmann gezahlt und ihn nach seiner Entlassung gerne zurückgeholt hätten. „Das wird ja einen Grund haben." Und, als kleine Pointe für die Champions-League-Akten: Paris Saint-Germain, an dem die Bayern kürzlich scheiterten, habe Nagelsmann in seiner Münchner Zeit zweimal bezwungen.
Der zweite Teil des Abends galt der FIFA. Rettig nannte die hohen WM-Ticketpreise „eine andere Form der Gentrifizierung". Wenn man solche Themen dem freien Markt überlasse, komme „genau das dabei rum". Er und seine Frau, scherzte er, „rechnen gerade, ob das unsere Haushaltslage hergibt". Dann wurde er wieder ernst: „Ich sehe das mit großer Sorge, das ist keine gute Entwicklung."
Zwei Frontlinien an einem Abend, und beide führen in dieselbe Richtung: ein DFB-Geschäftsführer, der sich vor seinen Bundestrainer stellt und dem Weltverband gleich hinterher auf die Füße tritt. Vor einer WM ist das ungewöhnlich offen. Ob es Nagelsmann hilft, wird sich im Sommer zeigen. Dass Rettig bereit ist, für ihn hinzustehen und dabei nicht nur Hoeneß, sondern auch die FIFA zu adressieren, ist festgehalten. Mit Spickzettel, der Ordnung halber.