Christian Streich als WM-Experte: Das Risiko einer ungewohnten Bühne

Das ZDF setzt den Ex-Freiburger an reichweitenstarken Abenden ein. Ob seine klaren Worte auch im Studiolicht tragen, muss sich erst zeigen.

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Christian Streich als WM-Experte: Das Risiko einer ungewohnten Bühne
IMAGO/Eibner

Christian Streich im Fernsehstudio – das klingt zunächst wie ein Widerspruch in sich. Zwölf Jahre lang, zwischen 2012 und 2024, hat dieser Mann den SC Freiburg an der Seitenlinie geprägt, und zwar auf eine Weise, die ihm weit über die Stadtgrenzen hinaus die Sympathien zahlreicher Fußballfans eingebracht hat. Nun teilt das ZDF mit, dass der 60-Jährige sein Expertenteam für die Übertragungen der Fußball-WM in den USA, Mexiko und Kanada verstärkt. Vom 11. Juni bis zum 19. Juli wird Streich also jener Rolle beitreten, die er in seinen Trainerjahren mit einer gewissen Skepsis aus der Distanz beobachtet haben dürfte: der des Erklärers im Studio.

Der Einstieg könnte markanter kaum gewählt sein. Bereits am Tag des Eröffnungsspiels zwischen Mexiko und Südafrika sitzt Streich im WM-Studio in Berlin, an der Seite der Moderatorin Katrin Müller-Hohenstein und des Moderators Jochen Breyer. Dass er darüber hinaus das zweite Gruppenspiel der deutschen Nationalmannschaft gegen die Elfenbeinküste am 20. Juni begleiten wird, macht deutlich: Das ZDF setzt ihn nicht als Dekoration ein, sondern an Abenden mit Reichweite. Für einen, der zwölf Jahre lang selbst Fragen beantworten musste, ist das eine Umstellung – und wohl auch ein Angebot, die eigene Fußballsprache in einer neuen Umgebung zu erproben.

Interessant ist, wie Streich selbst seine Aufgabe beschreibt. Er freue sich auf diese ganz neue Rolle und darauf, sich intensiv auf die Aufgabe vorzubereiten, ließ er sich in der ZDF-Mitteilung zitieren. Sein Ziel sei es, „die Spielideen der einzelnen Teams so zu erklären, dass dies für die Zuschauer verständlich und nachvollziehbar ist". Das ist weniger bescheiden, als es klingt. Die Spielidee einer Mannschaft in wenigen Sätzen zu fassen, ohne in Schlagworte zu verfallen, ist eine der schwierigeren Übungen des Fachs – und eine, der sich nicht jeder ehemalige Trainer gewachsen zeigt.

ZDF-Sportchef Yorck Polus bezeichnete Streich als „besonderen Trainertyp, der für seine klaren Worte bekannt ist". Diese klaren Worte haben in Freiburg über Jahre ein eigenes Genre hervorgebracht, und man wird sehen, wie sie sich im Studiolicht verhalten. Streich trifft dort auf eine Expertenriege, die das Turnier im Wechselspiel tragen soll: das eingespielte Duo der 2014er-Weltmeister Per Mertesacker und Christoph Kramer, dazu Trainerin Friederike Kromp und Schiedsrichter-Experte Thorsten Kinhöfer. Neben den routinierten Analytikern ist Streich die Stimme, die am wenigsten nach Studio klingt – und gerade darin liegt der Reiz dieser Personalie.

Man darf daran erinnern, dass Streich den Trainerberuf nie als Bühne verstanden hat, auf der Sätze für die Archive produziert werden. Seine Bekanntheit ist ein Nebenprodukt, nicht das Ziel. Wenn er nun vor der Kamera über die Spielideen von Nationalmannschaften sprechen soll, die ihm in dieser Breite fremd sein dürften, wird gerade der Vorbereitungsaufwand zum entscheidenden Faktor – und es passt, dass er genau diesen Punkt zuerst erwähnt.

Das ZDF überträgt bei diesem Turnier wie die ARD 30 Spiele, das sind viele Abende, an denen sich die neue Rolle einspielen kann. Ob Streich im Studio so unverwechselbar bleibt, wie er an der Seitenlinie war, ist eine offene Frage. Eine, die das Turnier beantworten wird – Spiel für Spiel, Erklärung für Erklärung.