Der Pyro-Skandal von Slavia Prag: Wenn der Präsident das Urteil annimmt, bevor es fällt

Nach dem Platzsturm im Derby schöpft der Ligaverband den Strafrahmen aus. Sanktionen allein verändern keine Fankultur – das muss im Klub beginnen.

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Der Pyro-Skandal von Slavia Prag: Wenn der Präsident das Urteil annimmt, bevor es fällt
IMAGO/CTK Photo

Manchmal erledigt der Sport seine Entscheidungen selbst, und manchmal übernimmt das eine Disziplinarkommission. Im Fall von Slavia Prag war es eine Mischung aus beidem, und es ist eine seltene Variante: Der Tabellenführer hätte das Derby gegen Sparta Prag am Samstag gewinnen und damit vorzeitig Meister werden können. Stattdessen führte Slavia mit 3:2, als in der siebten Minute der Nachspielzeit zahlreiche Fans den Rasen stürmten und allem Anschein nach zahlreiche Bengalos in Richtung des Sparta-Blocks warfen. Auch Sparta-Profis wurden getroffen. Die Partie wurde abgebrochen. Der tschechische Ligaverband LFA hat nun entschieden, und die Entscheidung ist so hart, wie sie nach dem Regelwerk sein konnte. Jiri Matzner, Vorsitzender der Disziplinarkommission, teilte am Dienstag mit, dass das Spiel mit 3:0 für Sparta gewertet wird. Hinzu kommen zehn Millionen Kronen Geldstrafe, umgerechnet rund 411.000 Euro, laut Matzner die höchstmögliche Strafe. Vier Pflichtspiele muss Slavia vor leeren Rängen bestreiten. Sparta Prag kam mit rund 24.660 Euro davon, bestraft wurde dort das Verhalten der eigenen Fans. An diesem Paket lässt sich studieren, wie europäische Verbände auf Vorfälle reagieren, bei denen aus Fankultur Gefährdung wird. Pyrotechnik, die Richtung eines Zuschauerblocks oder in Richtung von Profis geworfen wird, ist keine Randnotiz der Stimmung, sondern ein Sicherheitsproblem. Dass die Strafe die Höchstgrenze ausschöpft, spricht dafür, dass die Kommission die Schwelle für überschritten hält, ab der Geldbußen allein nicht mehr genügen. Genau deshalb folgt der Ausschluss der Zuschauer über vier Pflichtspiele – eine Maßnahme, die finanziell schmerzt und die Verantwortung des Vereins für seine Fans unterstreicht. Ob das ausreicht, ob es die richtige Mischung ist, darüber wird in europäischen Ligen seit Jahren gestritten, und es gibt keinen Konsens. Bemerkenswert ist die Reaktion aus dem Klub selbst. Präsident Jaroslav Tvrdik hatte die Geschehnisse schon am Sonntag als „schlimmsten Moment in der jüngeren Geschichte des Vereins“ bezeichnet, und er hatte bereits vor Bekanntwerden der Strafen angekündigt, sie zu akzeptieren und nicht in Berufung zu gehen. Das ist im Profifußball nicht der Normalfall. Üblich sind Einsprüche, Formfragen, Fristverlängerungen. Hier steht ein Vereinspräsident, der das Urteil annimmt, bevor es gefallen ist, und damit eine klare Linie zieht zwischen dem Klub und dem, was Teile seines Anhangs auf dem Rasen verursacht haben. Die sportliche Rechnung macht die Sache nicht einfacher. In der Tabelle schmolz der Vorsprung auf den Zweiten Sparta bei noch drei ausstehenden Spieltagen auf fünf Punkte. Das 0:3 am grünen Tisch ist also nicht nur Symbolpolitik, es hat Gewicht. Theoretisch kann das Urteil Konsequenzen haben, die über die Kasse und den Zuschauerausschluss hinausreichen. Slavia wird die Meisterschaft wahrscheinlich trotzdem ins Ziel tragen, aber das Polster ist dünner als noch vor einer Woche. Bleibt die größere Frage, die über Prag hinausreicht. Wie steuert man ein System, in dem die Atmosphäre zum Produkt gehört, die Eskalation aber immer mitlaufen kann? Verbände haben nur den Werkzeugkasten, den sie haben: Geld, leere Ränge, Punktabzüge. Der Fall Slavia zeigt, wie schnell man den Werkzeugkasten ausreizt, und er zeigt zugleich, dass Sanktionen allein keine Fankultur verändern. Das muss, wenn es passieren soll, im Verein selbst beginnen. Tvrdiks Sätze sind dafür zumindest ein Anfang.