Zwei Männer im Glaskasten: Wenn Fußballgucken zum Beruf wird

Am Times Square sitzen zwei junge Amerikaner als Chief World Cup Watcher. Ehrliche Vermarktung oder Verrat an der eigenen Biografie?

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Zwei Männer im Glaskasten: Wenn Fußballgucken zum Beruf wird
IMAGO/Anadolu Agency

Es gibt sie noch, die Berufe, die man früher Witzfiguren in Zeitungsglossen angedichtet hätte. In New York existiert seit ein paar Wochen tatsächlich einer davon: Chief World Cup Watcher. Austin Franklin, 29, und Kevin Akoto, 26, sitzen mitten auf dem Times Square in einem Glaskasten und schauen jedes der 104 Spiele dieser Weltmeisterschaft, vom Anpfiff bis zum Abpfiff. 50.000 Dollar bekommt jeder von ihnen dafür. Aus Tausenden Bewerbern hat der Rechteinhaber Fox die beiden ausgewählt, für 39 Tage Turnier in den USA, Kanada und Mexiko.

Was sich aus deutscher Sicht wie ein PR-Gag anfühlt, ist in den Vereinigten Staaten eine logische Konsequenz aus jahrzehntelangem Sportmarketing. Fußball muss in einem Land, das seine Sportarten lieber selbst erfindet, sichtbar gemacht werden. Also baut man keine Werbetafel, sondern ein begehbares Schaufenster: Sofas, Sessel, Kunstrasen als Teppich, ein Tischfußball, zwei 85-Zoll-Fernseher. Drinnen sitzen zwei junge Männer, draußen sammeln sich regelmäßig Menschentrauben, die ebenfalls die Spiele verfolgen – und den beiden dabei zusehen, wie sie zusehen. Der Zuschauer wird zum Ausstellungsstück, der Konsum zum Inhalt.

Man kann das albern finden. Man kann es aber auch als ehrliche Form der Vermarktung lesen, ehrlicher jedenfalls als manche Hochglanzkampagne, die so tut, als ginge es um den Sport selbst. Hier geht es um die Aufmerksamkeit am lautesten Platz der westlichen Welt, und beide Seiten wissen das. Fox bekommt seine Bilder, der Times Square seine Attraktion, und zwei Amerikaner bekommen ein Honorar, für das sie in einem Glaskasten sitzen und Slowenien gegen wen auch immer durchstehen. Das ist kein Verrat am Fußball. Das ist amerikanische Konsequenz.

Interessant wird die Geschichte dort, wo sie privat wird. Akoto, der aus Florida stammt, hat für die Rolle seinen Job gekündigt und seine Beziehung beendet. „Der Arbeitgeber hat es gut aufgenommen, die betroffene Person nicht ganz so gut", sagt er. Ein Satz, der mehr über den Reiz dieses Engagements verrät als jede Kampagnenbroschüre. Wer 39 Tage seines Lebens vor zwei Bildschirmen verbringt und dafür eine Partnerschaft aufgibt, hat entweder ein sehr klares Verhältnis zum Geld oder ein sehr unklares zur eigenen Biografie.

Dass nicht jedes Spiel ein Geschenk ist, weiß auch Akoto. „Es gibt natürlich einige Spiele, die echte Nieten sind – das passiert eben, aber man hat ja auch seine spannenden Spiele", sagt er. Etwa zwei der gut fünf Wochen sind absolviert, die beiden kommen gut miteinander aus. „Ich bin eine ziemlich negative Person", sagt Akoto, „es ist schön, jemanden zu haben, der positiv ist, jemanden, der ein bisschen anders ist als man selbst und diese Energie mitbringt." Casting-Dramaturgie nennt man so etwas. Man ahnt, dass die Auswahl nicht zufällig auf ein Duo dieser Konstellation fiel.

Franklin freut sich nun auf den letzten Spieltag der Gruppenphase. „Ich freue mich sehr darauf, wenn jetzt zwei Spiele auf einmal laufen", sagt er. Es ist der Moment, in dem aus dem Marketing-Spektakel kurz wieder ein Fußballproblem wird: zwei Bildschirme, ein Kopf, eine Entscheidung. Der schönste Job der Welt hat auch mal seine Längen. Manchmal hat er auch seine Augenblicke.