Ronaldinho in Ravenna: Ein Trikot sucht ein Gesicht
Ein 46-Jähriger, ein Drittligist, ein Heimspiel, ein letztes Tor: Der Deal in der Serie C verkauft keine Karriere mehr, sondern eine Marke.
Es gibt Verträge, die liest man wie Pressemitteilungen, weil sie auch nichts anderes sein wollen. Ronaldinho hat beim FC Ravenna unterschrieben, italienischer Drittligist, Serie C. Der Brasilianer ist 46 Jahre alt, sein letztes Pflichtspiel datiert vom September 2015 für Fluminense, also zehn Jahre her. An der Saisonvorbereitung in Ravenna wird er nicht teilnehmen. Wer in dieser Konstellation noch von einem sportlichen Comeback spricht, hat den Text nicht gelesen.
Klubeigentümer Ignazio Cipriani hat den Deal am Rande der WM bei einem Event in Miami bekanntgegeben, und schon der Ort der Verkündung sagt mehr über das Vorhaben aus als jede Vertragsklausel. „Ronaldinho wird mindestens ein Spiel in der Serie C bestreiten. Er will das letzte Tor seiner Karriere in Ravenna erzielen", wird Cipriani zitiert. Es ist die exakte Dosierung, die solche Inszenierungen brauchen: ein Auftritt, vielleicht zwei, ein Tor, das man hinterher in Endlosschleife abspielen kann. „Wir wissen noch nicht genau, wann er sein Debüt gibt, aber es wird ein Heimspiel", so Cipriani weiter. Auch das ist kein Detail, sondern Dramaturgie.
Was hier verhandelt wird, ist offen ausgesprochen. Ronaldinho möchte seine Sportbekleidungsmarke R10 auf den Markt bringen, Ravenna wird sie als erste Mannschaft tragen. Cipriani erhofft sich weltweite Aufmerksamkeit, und genau die bekommt er, in dem Moment, in dem über diesen Transfer geschrieben wird, in diesem Text inklusive. Der Klub liefert die Bühne, der Spieler liefert das Gesicht, und das Trikot ist das eigentliche Produkt. Sport kommt in dieser Rechnung als Vehikel vor, nicht als Zweck.
Man kann das verurteilen, man muss es aber nicht. Ronaldinho hat eine Biografie, die für mehrere Karrieren reicht: Paris Saint-Germain, der FC Barcelona an der Seite des jungen Lionel Messi, die AC Mailand. 2005 der Ballon d'Or, 2006 die Champions League mit Barca, 97 Länderspiele für Brasilien, 33 Tore, Weltmeister von 2002. Wer so viel gewonnen hat, bringt einen Markenwert mit, den man monetarisieren kann, ohne dass es einer weiteren Erklärung bedürfte. Dass er 2020 mit seinem Bruder in Paraguay ein knappes halbes Jahr im Gefängnis saß, weil das Duo mit gefälschten Pässen eingereist war, gehört zur Vita ebenfalls dazu und hat den Marktwert offenbar nicht beschädigt.
Ravenna bekommt für ein paar Wochen oder Monate eine Sichtbarkeit, die ein Drittligist sich anders niemals leisten könnte. Ronaldinho bekommt eine Liga, in der die Anforderungen so überschaubar sind, dass ein einziges Heimspiel genügt, um die Geschichte vom letzten Tor zu erzählen. Beide Seiten wissen, was sie tun, und beide Seiten kommunizieren es so transparent, dass die alte Frage nach der Grenze zwischen Karriere-Ausklang und Geschäftsmodell sich gar nicht mehr richtig stellen lässt. Diese Grenze gibt es in diesem Fall nicht, weil sie aufgehoben wurde, bevor der erste Ball gerollt ist.
„Ich kann es kaum erwarten, wieder mit dem Ball zu tanzen und gemeinsam mit Ignazio und der gesamten Familie Cipriani ein neues Kapitel zu schreiben", hat Ronaldinho erklärt. Das Kapitel wird kurz, das Kapitel wird kommerziell, und es wird gut verkauft sein. Mit Fußball im engeren Sinn hat es nicht viel zu tun. Mit der Vermarktung von Legenden umso mehr.