Wenn ein Visum mehr zählt als ein gehaltener Ball

Kap Verdes Torwart Vozinha wurde über Nacht zum Star – seine Mutter sah das WM-Debüt nur im Fernsehen. Diese WM hat ein Zugänglichkeitsproblem.

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Wenn ein Visum mehr zählt als ein gehaltener Ball
IMAGO/SOPA Images

Manchmal erzählt ein Turnier seine schönsten Geschichten neben dem Platz. Vozinha, der Torhüter von Kap Verde, wird in der Nacht zu Montag gegen Uruguay seine Mutter auf der Tribüne in Miami wissen. Ana Candida Evora hat es geschafft, die Reise ist organisiert, das Visum offenbar geklärt. „Ich bin sehr glücklich", sagte sie der BBC. „Das geht alles so schnell, aber ich bin trotzdem sehr glücklich. Ich werde meinen Sohn bei der Weltmeisterschaft spielen sehen, so Gott will."

Die WM-Premiere ihres Sohnes hatte sie noch verpasst. Beim 0:0 gegen Europameister Spanien saß Candida Evora nicht in Atlanta, sondern zu Hause vor dem Fernseher, weil ein Visum und die damit verbundenen Kosten ihr den Weg versperrten. Vozinha sprach das nach dem Spiel selbst aus: „Wir haben es nicht rechtzeitig geschafft, und ich würde mir wünschen, dass sie hier wäre." Ein Satz, der den Glanz des Auftakts etwas nüchterner aussehen ließ, als die Bilder es nahelegten.

Denn dieser Auftakt war eine Sensation. Kap Verde, WM-Debütant, hielt den amtierenden Europameister beim 0:0, und der Mann im Tor wurde über Nacht zur Figur. Vozinhas Follower-Zahl sprang von 50.000 auf mehr als 13 Millionen, eine Bewegung, die mehr über die Sehnsucht nach kleinen Geschichten in einem großen Turnier erzählt als über Algorithmen. Dass ausgerechnet die Mutter dieses neuen Stars das Spiel nicht im Stadion sehen konnte, wirkte wie eine Pointe, die sich niemand ausdenken würde.

Hier wird das WM-Märchen zur sportpolitischen Frage. Kap Verde gehört zu den 50 Ländern, deren Staatsangehörige für ein Visum eine Kaution von bis zu 15.000 US-Dollar hinterlegen müssen. Eine Summe, die für die meisten Familien dieser Welt nicht einfach so auf einem Konto bereitliegt. Ein Sprecher des US-Außenministeriums erklärte, dass Angehörige von Spielern „Anspruch auf eine Befreiung" hätten. Bei Candida Evora ist das nun der Fall, beim Auftaktspiel war es das nicht.

Man kann das als bürokratische Detailfrage abtun. Man kann aber auch festhalten, dass eine Weltmeisterschaft, deren Eintrittspreis für die Familien der Spieler bei einer fünfstelligen Dollarsumme beginnen kann, ein Zugänglichkeitsproblem hat, das mit Sport wenig und mit Politik viel zu tun hat. Die Befreiungsregel existiert, aber sie greift offenbar nicht automatisch und nicht immer rechtzeitig. Für jeden Vozinha, dessen Geschichte über die BBC läuft und am Ende doch ein gutes Ende findet, gibt es vermutlich Angehörige, deren Reise leiser scheitert.

Für den Torhüter selbst ist das Spiel gegen Uruguay nun aufgeladen mit einer doppelten Bedeutung. Sportlich, weil Kap Verde nach dem Punktgewinn gegen Spanien mit allen drei Gruppengegnern bei je einem Zähler liegt und am 27. Juni gegen Saudi-Arabien folgt. Persönlich, weil seine Mutter angekündigt hat, in Miami zu sein, „um ihn zu unterstützen, ihm Kraft und Mut zu geben. Nach dem Spiel werde ich ihn umarmen."

Es bleibt das nächste Kapitel einer Geschichte, die Kap Verde so wenig auf dem Zettel hatte wie der Rest des Turniers. Dass darin ein Visum eine größere Rolle spielt als ein gehaltener Ball, ist eine Eigenheit dieser WM, die man sich merken sollte.