Cristiano Ronaldo nimmt Portugal in Geiselhaft
Beim 1:1 gegen die DR Kongo steht der Kapitän seinen Mitspielern im Weg. Thierry Henry findet das passende Wort: Egoismus.
Es gibt Spieler, die ihre Karriere mit einem letzten großen Turnier krönen, und es gibt Spieler, die ein letztes großes Turnier in Geiselhaft nehmen. Cristiano Ronaldo, 41 Jahre alt, bewegt sich beim WM-Auftakt der Portugiesen gegen die Demokratische Republik Kongo eindeutig in der zweiten Kategorie. Das 1:1 war enttäuschend, der Auftritt des Kapitäns schwächer. Und die schärfste Analyse kam nicht aus Lissabon, sondern aus einem Fox-Studio.
Thierry Henry, Weltmeister von 1998, hat dort in seiner Rolle als TV-Experte ausgesprochen, was sich in Portugal vermutlich kaum jemand öffentlich zu sagen traut. „Für alle Leute zu Hause, eine Sache ist ganz wichtig", sagte Henry: „Die Mannschaft muss treffen, nicht Du musst treffen." Das ist kein boshafter Satz, das ist eine fußballerische Grundregel. Sie an einen der größten Torjäger der Geschichte adressieren zu müssen, ist die eigentliche Pointe dieses Abends.
Henry blieb dabei nicht im Allgemeinen. Er beschrieb konkret, was Portugals Offensivspiel blockiert: Ronaldo verweigere Laufwege, die seinen Mitspielern gute Abschlusspositionen verschaffen würden, weil er selbst treffen wolle. Eine Szene aus der zweiten Halbzeit lieferte den Beleg. „Weil er ein Tor machen möchte, steht er Bruno Fernandes im Weg", sagte Henry. Es ist die präziseste Beschreibung dessen, was im modernen Spiel von einer Neun erwartet wird – und was Ronaldo nicht mehr leistet.
Die Datenlage stützt Henry, und sie tut es mit einer Brutalität, die selbst Statistiker überrascht haben dürfte. Null Schüsse aufs Tor. Null abgeschlossene Dribblings. Null Schlüsselpässe. 25 Ballkontakte – zehn weniger als Lionel Mpasi-Nzau, der Torhüter des Gegners. Ein Mittelstürmer, der weniger am Ball ist als der gegnerische Keeper, ist im Strafraum entweder nicht anspielbar, oder er ist es bewusst nicht. In beiden Fällen steht das Team mit einem Mann weniger auf dem Feld.
Auch im deutschen Fernsehen blieb der Auftritt nicht unkommentiert. Christian Streich gab im ZDF zu Protokoll, dass er bei aller Bewunderung für den 41-Jährigen aus taktischen Gründen als Trainer wohl auf ihn verzichten würde. Christoph Kramer ging einen Schritt weiter und vermutete, dass viele portugiesische Nationalspieler insgeheim lieber ohne Ronaldo auflaufen würden. Das sind keine Stammtischbefunde, das sind sportlich begründete Zweifel an der Wertigkeit eines Spielers, der lange jeder Diskussion entzogen war.
Was bei dieser sechsten Weltmeisterschaft zu besichtigen ist, ist das Auseinanderfallen einer Symbiose, die Portugal über Jahre getragen hat. Ronaldo war einmal die Lösung, jetzt ist er die Aufgabe. Die Mannschaft muss um ihn herum spielen, nicht mit ihm. Sie muss kompensieren, was er taktisch nicht mehr leistet, und sie muss Räume bedienen, in denen er steht, ohne sie zu nutzen.
Henry hat dafür den Begriff gefunden: Egoismus. Er ist hart, aber er beschreibt das Problem genauer als jede mildere Vokabel. Ein Stürmer, der den Mitspieler im Weg steht, weil er selbst abschließen will, ist kein Anführer mehr. Er ist eine Belastung. Wie Portugal damit durch dieses Turnier kommen will, ist nach 90 Minuten gegen die DR Kongo die offene Frage. Eine Antwort hat an diesem Abend niemand geliefert – am wenigsten der Kapitän.