Watzke will beim BVB loslassen – und beweist das Gegenteil
Der BVB-Präsident lobt seine Geschäftsführer öffentlich und untergräbt damit genau die Autorität, die er einfordert. Das Problem liegt nicht bei Lars Ricken.
„Manchmal musst du auch ein bisschen breitbeiniger auftreten, damit alle anderen ein gewisses Maß an Respekt vor dir haben." Das sagt kein Rivale über den BVB. Das sagt der eigene Vereinspräsident – über seine eigenen Geschäftsführer, öffentlich, in den Ruhr Nachrichten. Hans-Joachim Watzke will damit Lars Ricken und Carsten Cramer stärken. Tatsächlich macht er das Gegenteil. Denn wer öffentlich erklärt, seine Nachfolger müssten härter werden, der sagt vor allem etwas über sich selbst: Ich bin noch da. Und ich bestimme, was Härte bedeutet.
Der Widerspruch steckt in ein und demselben Interview. Watzke betont, er vertraue „dieser Geschäftsführung zu 100 Prozent". Getroffene Entscheidungen kritisiere er nur intern. „Nicht extern." Und dann tut er genau das – extern. Er skizziert „Entwicklungsschritte", verteilt Aufgaben, ordnet ein, wer in welcher Funktion was zu leisten hat. Das ist keine Vertrauenserklärung. Das ist ein Zeugnis mit Verbesserungsvorschlägen, vorgetragen vor der gesamten Bundesliga.
Dabei liefert Watzke die Gegenargumente gleich selbst mit. Ricken habe „in diesen noch nicht mal zwei Jahren schon relativ klare und harte Entscheidungen getroffen" – die Entlassung von Nuri Sahin, die Verpflichtung von Niko Kovac, die einvernehmliche Trennung von Sebastian Kehl, die Besetzung des Sportdirektor-Postens mit Ole Book von der SV Elversberg. Vier personelle Weichenstellungen in knapp zwei Jahren. Unter Kovac steht der BVB nach 29 Spieltagen auf Platz zwei mit 64 Punkten, nur drei Saisonniederlagen in der Liga – ein Wert, der zuletzt vor Jahren erreicht wurde. Wenn ein Präsident diese Bilanz öffentlich aufzählen muss, um die Autorität seines Geschäftsführers zu untermauern, dann untergräbt er genau die Souveränität, die er einfordert.
Watzke sieht sich bewusst als der, der loslässt. Bei der Kehl-Ablösung sei er nicht involviert gewesen, ein Treffen mit Book habe er abgelehnt: „Ich wollte ihre Meinung nicht zerschießen oder bestärken." Das klingt vorbildlich. Doch warum erzählt er es dann? Wer wirklich loslässt, muss nicht öffentlich dokumentieren, wie elegant er die Hände vom Steuer nimmt. Die Geste der Zurückhaltung wird dadurch zur Geste der Kontrolle – Watzke behält die Deutungshoheit über jede Entscheidung, auch über jene, die er angeblich nicht mitgetragen hat.
Man muss fair bleiben: Watzke hat den BVB über zwei Jahrzehnte geprägt, vom Fast-Bankrott zum Champions-League-Finalisten geformt. Ein Machttransfer nach einer solchen Ära ist nie reibungslos. Und Ricken, seit Mai 2024 Geschäftsführer Sport, ist noch im Aufbau – das darf man anerkennen. Aber genau deshalb braucht es Raum, nicht öffentliche Nachhilfe. Watzke sitzt als Präsident im Präsidialausschuss, der ab dem 1. Juli 2026 über Rickens Vertragsverlängerung entscheiden kann. Die Machtverhältnisse sind klar genug. Sie brauchen keine Verstärkung durch Zeitungsinterviews.