Vinicius Junior entschuldigt sich: Brasilien gewöhnt sich ans Scheitern

Vier Tore, ein Weltklassemann liefert – und die Selecao fliegt trotzdem raus. Das Problem liegt nicht bei ihm, sondern im Ganzen.

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Vinicius Junior entschuldigt sich: Brasilien gewöhnt sich ans Scheitern
IMAGO/Kirchner-Media

Ein Weltklassespieler entschuldigt sich bei den Fans. Das klingt nach Größe, nach Verantwortung, nach dem, was man von einem 25-Jährigen erwarten darf, der das Trikot seiner Nation trägt. Und doch steckt in Vinicius Júniors emotionalem Instagram-Statement mehr als eine persönliche Geste: Es ist die unfreiwillige Bestandsaufnahme einer Fußballnation, die sich an das Scheitern zu gewöhnen beginnt.

„Ich entschuldige mich, und ich werde für unseren Traum kämpfen, an die Weltspitze zurückzukehren", schreibt er. Der entscheidende Halbsatz ist: zurückzukehren.

Denn Brasilien ist nicht mehr dort, wo es glaubt hinzugehören. Das Achtelfinal-Aus gegen Norwegen, ein 1:2 in East Rutherford, ist keine Fußnote, sondern ein Symptom. 24 Jahre sind seit dem bislang letzten WM-Titel vergangen. Vor vier Jahren in Katar war im Viertelfinale gegen Kroatien Schluss. Nun scheidet die Selecao eine Runde früher aus – gegen einen Gegner, den man in der glorreichen Selbstwahrnehmung dieses Landes eigentlich nie fürchten müsste. Wer die Kurve dieser Turniere zeichnet, sieht keine Delle. Er sieht einen Abwärtstrend.

Vinicius Júnior selbst liefert die schärfste Diagnose gleich mit: „Wir hatten einen Kader, der stark genug war, um mehr zu erreichen, und das ist uns nicht gelungen." Das ist der eigentliche Befund. Es fehlt nicht am Material. Es fehlt an dem, was aus Material eine Mannschaft macht, aus Talent Titel. Brasilien scheitert nicht, weil es keine Spieler hat. Es scheitert trotz seiner Spieler. Und das ist eine viel unbequemere Wahrheit als jede Niederlage gegen einen vermeintlich Kleineren.

Die individuelle Bilanz des Real-Stars unterstreicht das Missverhältnis. Vier Tore, eine Vorlage bei dieser aufgeblähten XXL-WM – das sind Zahlen, mit denen ein Einzelner ein Turnier prägt, nicht mit denen eine Mannschaft früh nach Hause fährt. Wenn der beste Offensivmann liefert und die Elf trotzdem im Achtelfinale steht, dann liegt das Problem nicht bei ihm. Dann liegt es in der Struktur, in der Balance, in allem, was jenseits des einzelnen Genies über Turniere entscheidet. Vinicius trägt seinen Teil. Der Rest ist offene Frage.

Das Foto, das er postet, ist die ehrlichste Botschaft: er selbst, in Schwarz-Weiß, nach der Niederlage am Boden liegend. Diese Verzweiflung ist echt, und sie ehrt ihn. Aber sie erzählt auch, wie tief der Anspruch dieses Landes gefallen ist, wenn ein Achtelfinal-Aus einen Spieler physisch zu Boden zwingt. Für Brasilien war das nie ein akzeptables Ergebnis. Die Frage ist, ob es das gerade wird – ob sich eine Nation, die fünfmal Weltmeister wurde, klammheimlich mit dem Mittelmaß arrangiert.

„Das Trikot der Nationalmannschaft zu tragen ist der größte Stolz meines Lebens", schreibt Vinicius. Man glaubt es ihm. Und genau deshalb wiegt seine Entschuldigung so schwer: Sie kommt von jemandem, der alles gegeben hat, und dokumentiert dennoch ein Versagen des Ganzen. Der Traum von einem sechsten Titel lebt weiter, sagt er. Er lebt vor allem, weil er sich weigert, zu sterben. Doch Träume ersetzen keine Struktur, und Entschuldigungen keine Analyse. Brasilien muss sich fragen, ob es noch die Nation ist, für die es sich hält – oder nur noch eine, die es einmal war.

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