Die FIFA feiert 50,1 Millionen Zuschauer: Doch die eigentliche Geschichte war ein Anruf
Eine Sperre wird zurückgenommen, kurz nachdem ein Staatschef interveniert hatte. Der Verband beteuert Unabhängigkeit und verstärkt so nur den Verdacht.
50,1 Millionen Menschen, im Schnitt, bei einem Achtelfinale, das die Gastgeber mit 1:4 verloren haben: Das ist die höchste Quote für ein Nicht-NFL-Sportereignis in diesem Jahrhundert, wie der US-Verband stolz mitteilte. Die Zahl ist beeindruckend, und sie wird an diesem Mittwoch überall zitiert werden als Beleg dafür, dass der Fußball in den Vereinigten Staaten angekommen ist. Nur ist die Quote hier die Verpackung, nicht der Inhalt. Wer die 50,1 Millionen feiert, ohne zu fragen, warum diese Partie über die Sportseiten hinaus Schlagzeilen machte, hat die eigentliche Geschichte nicht verstanden.
Denn dieses Spiel war nicht wegen des Fußballs in aller Munde. Es war es wegen eines Anrufs. US-Präsident Donald Trump hatte vor der Partie bei FIFA-Präsident Gianni Infantino angerufen und gegen eine Rotsperre von Torjäger Folarin Balogun interveniert. Und siehe da: In der Tat wurde die Sanktion zurückgenommen. Man muss kein Zyniker sein, um in dieser Abfolge ein Muster zu erkennen, das dem Fußball eigentlich fremd sein sollte.
Der Weltverband beharrt darauf, seine Disziplinarkommission habe unabhängig entschieden, Infantino sei keinesfalls involviert gewesen. Das ist die Version, die man erwarten musste, und sie ist zugleich das Problem. Eine Kommission, die für sich in Anspruch nimmt, unabhängig zu sein, lebt von genau einem Gut: dem Vertrauen, dass ihre Entscheidungen frei von äußerem Druck fallen. Dieses Vertrauen lässt sich nicht per Pressemitteilung wiederherstellen. Es entsteht durch Entscheidungen, deren Zustandekommen niemand infrage stellt.
Hier aber steht die Rücknahme der Sperre in einem denkbar ungünstigen Zusammenhang. Sie war laut FIFA die bislang einmalige Rücknahme einer solchen Sperre. Einmalig, ausgerechnet in dem Fall, der zuvor Gegenstand eines Präsidentenanrufs war. Ob es einen kausalen Zusammenhang gibt, weiß niemand von außen mit Sicherheit, und das behaupte ich auch nicht. Aber die zahlreichen Kritiker vermuteten eine politische Einflussnahme auf sportliche Entscheidungen, und der Verband hat ihnen mit seinem Beharren auf Unabhängigkeit nichts entgegenzusetzen als ein Wort gegen einen Eindruck.
Das ist der wunde Punkt. Wenn ein Staatschef anruft und danach fällt die Entscheidung so aus, wie er sie sich gewünscht haben dürfte, dann trägt die betroffene Institution die Beweislast, nicht ihre Kritiker. Sie muss zeigen, dass der Anruf folgenlos blieb. Bloße Behauptung reicht nicht, weil die zeitliche Nähe für sich spricht. Wer in dieser Konstellation lediglich versichert, alles sei mit rechten Dingen zugegangen, verstärkt den Verdacht, statt ihn zu zerstreuen.
Für den Weltfußball ist das mehr als eine Randnotiz aus einem einzelnen Spiel. Eine Disziplinargewalt, deren Sanktionen sich als verhandelbar erweisen, sobald genug politisches Gewicht dahintersteht, ist keine Disziplinargewalt mehr. Sie wird zur Verhandlungsmasse. Die 50,1 Millionen Zuschauer haben ein sportlich klares Ergebnis gesehen, ein 1:4. Die weniger klare Frage, ob der lange Arm der Politik bis in die Kommissionsstuben der FIFA reicht, wird von einer Rekordquote nicht beantwortet. Sie wird von ihr nur überstrahlt.
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