Schweinsteigers Afrika-Satz: Spiegelbild des Amateurfußballs?

Die Aussagen des TV-Experten verraten viel über die Sprache im deutschen Fußball, auch auf den Amateurplätzen und am Spielfeldrand, meint Gerd Thomas

Teilen
Schweinsteigers Afrika-Satz: Spiegelbild des Amateurfußballs?
Glaubwürdige Prominente sind wichtige Werbeträger für wichtige Werte. Foto: Gerd Thomas

Die Verantwortlichen der ARD hätten Bastian Schweinsteiger vielleicht vorab ein wenig schulen sollen, z. B. in Geografie. Schon die oberflächliche Betrachtung eines Globus hätte ihm klargemacht, dass Afrika eine Fläche von 30 Millionen Quadratkilometern hat, auf der beispielsweise China, Indien, die USA, Japan und die führenden europäischen Fußballnationen Deutschland, Frankreich, Belgien, Niederlande, Italien, Spanien, Portugal sowie alle Teile Großbritanniens Platz fänden – und immer noch etwas übrig bliebe. Komme mir niemand mit der fast menschenleeren Sahara; schließlich haben wir die Prignitz, die Uckermark, das Wendland und die Eifel.

Niemand würde auf die Idee kommen, den spanischen oder niederländischen Fußball, geprägt von Virtuosen wie Guardiola und Cruyff, mit dem der Italiener, der Engländer oder gar dem der Deutschen – früher gern mal als Panzer geschmäht – zu vergleichen. Und spielen Arsenal, City oder Liverpool überhaupt noch den klassischen Insel-Fußball? Hat Arsenal den in den letzten 30 Jahren jemals "Kick & Rush" gespielt? War der legendäre nordirische Wunderstürmer George Best nicht eher mit Garrincha oder dem Schalker Reinhard Libuda zu vergleichen, der ja nach dem englischen Idol "Stan" Matthews gerufen wurde?

Pauschalisierungen sind fast immer ein Fehler

Auch vor dem Spiel der Deutschen sei dem Basti schon mal empfohlen, nicht vom DEM südamerikanischen Fußball zu sprechen. DFB-Direktor Andreas Rettig mag es scheinbar auch etwas deftiger, denn er sagt: "Wir wissen, dass wir nun das Messer am Hals haben in den K.o.-Spielen." Immerhin sagt er nicht, der Gegner habe das Messer im Stutzen – ein gern gebrauchter Satz in den Kreisligen der Republik, wenn es gegen Teams geht, in denen nicht alle Meier, Müller, Schulze oder Krause heißen.

Im Amateurfußball finden sich derlei Klischees zuhauf. Nicht immer muss man den Menschen gleich Böses unterstellen, aber manchmal durchaus. Viele Dinge haben sich über die Jahrzehnte im Fußball-Jargon festgesetzt und sind dennoch reine Vorurteile. So glauben viele Berliner fest daran, dass es in der Stadt zwei Arten des Fußballs gibt – den von der leicht psychotischen Frontstadt West-Berlin geprägten, sowie den Ostfußball. Der war angeblich strukturierter, disziplinierter und härter; die Ausläufer soll es bei uns Oldies immer geben.

Der West-Berliner Fußball sei angeblich internationaler, kreativer und vielfältiger, nicht so sehr vom Kollektiv geprägt. Wenn ich mir die einstigen Größen aus Ost und West so anschaue, von denen kaum noch einer spielt, macht deren Auftreten kaum einen Unterschied. Ein ehemaliger Bundesliga-Profi soll angeblich selbst bei den Ü50-Recken noch Geld fürs Auflaufen bekommen haben. Ein früherer Dynamo-Recke checkte mit 70 Jahren einen gleichaltrigen Mitspieler von mir über die Bande. Es stand 3:1, und die Nachspielzeit lief.

Unterscheidet sich der Fußball im Osten von dem im Westen?

Der sagenumwobene und medienbekannte Schiedsrichter hatte seine Mütze (!!!) so tief ins Gesicht gezogen, dass er angeblich nichts wahrnahm. In dem Spiel bekam ich übrigens meine einzige Gelbe Karte in der Saison, und zwar für lautes Lachen nach einem Pfiff. Wäre es nicht auch möglich gewesen, dass unser Keeper uns gerade einen Witz erzählt hatte? Schwamm drüber, aber die Geschichte hat eine Fortsetzung. Im Rückspiel stoppte der ehemalige DDR-Nationalspieler zu Spielbeginn einen Gegenspieler und verletzte sich dabei selbst so schwer, dass er seine Karriere beenden musste. Jemand sprach noch von schlechtem Karma, aber wünschen wir ihm einfach einen angenehmen Fußballruhestand.

Auch verbal geht es auf den Plätzen zunehmend rauer zu. Die Wortwahl ist dabei oftmals deutlich grenzwertiger als die zurecht gerügten Schweini-Aussagen. Ich verzichte hier auf Beispiele; viele sind landauf, landab bekannt. Rassistische Klischees, Beleidigungen der Mutter des Gegenspielers, homophobe Zuschreibungen für missglückte Abspiele, "mädchenhaftes" Zweikampfverhalten und vieles mehr sind Alltag auf dem Platz. Die Frage ist: Wie gehen wir damit um?

Die Empörung über die Schweinsteiger-Aussagen wird von vielen als übertrieben empfunden. So, wie Beleidigungen und Entgleisungen auf dem Platz unterschiedlich eingeordnet werden – je nachdem, zu welchem Team man sich mehr hingezogen fühlt. Festzuhalten ist aber, dass es im Amateurfußball kaum eine Debatte über die Sprache auf und neben dem Platz gibt.

Nur wenige verbalen Verfehlungen werden geahndet

Natürlich werden klassische Beleidigungen vor dem Sportgericht verurteilt, aber der weitaus größte Teil geht unter oder wird beflissentlich überhört. Die Verbände produzieren pflichtschuldig Plakate gegen Rassismus, Homophobie oder vereinzelt auch mal gegen Antisemitismus. Die können Vereine abholen und zwecks Aushang auf den Plätzen gratis erwerben. Das schadet natürlich nicht, aber das allein hilft auch nicht viel. Ob auch im Amateurbereich die Hand vor dem Mund auch bestraft wird, weiß ich gar nicht.

Vereine sollten den Saisonwechsel nutzen, um sich nicht nur die Nacht mit WM-Spielen um die Ohren zu schlagen. Mir fallen viele Dinge ein, die wir von anderen Sportarten lernen oder einfach einführen könnten. Das geht von wertschätzenden Begrüßungsritualen bis hin zum gemeinsamen Beisammensein nach dem Spiel – natürlich inklusive der Unparteiischen. Viele haben ja ein Vereinsheim, zumindest hörte ich davon, auch wenn wir beim FC Internationale Berlin nicht zu den Glücklichen gehören.

Im Jugendfußball ist es wichtig, den Eltern klarzumachen, welche Werte der Verein vertritt und wie er in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden möchte. Meine Kollegin Susanne Amar hat darüber ein Buch geschrieben und Podcasts veröffentlicht. Ich selbst habe gemeinsam mit ihr ein Handbuch zum wertschätzenden Umgang mit den Ehrenamtlichen erstellt.

Fans und Zuschauern vermittelt man, dass Support gern gesehen ist, Beleidigungen oder Pöbeleien aber unerwünscht sind, zumal sie sich in der Regel gegen das eigene Team auswirken. Und die Verbände täten gut daran, ihre Vereine vor der Saison einzuladen und gemeinsam über den Umgang untereinander zu reden. Dass es Anti-Aggressions-Kurse und Antidiskriminierungs-Schulungen gibt, sei der Vollständigkeit halber erwähnt.

Reden ist Silber, Handeln ist Gold

Bei Fever Pit’ch las ich, dass DFB-Präsident Bernd Neuendorf am Rande der Weltmeisterschaft und auf Einladung der UN die gesellschaftliche Bedeutung des Fußballs hervorgehoben hat. „Diskriminierung, Rassismus und Antisemitismus widersprechen den Werten des Fußballs. Sie widersprechen den Regeln der Menschlichkeit. Und deshalb setzen wir ihnen etwas entgegen: Unseren Fußball.“ Wohlfeil formuliert, aber ich habe Zweifel, dass das genug Initiative ist.

Es gibt auf jeden Fall sehr vieles, was wir tun könnten. Zumal es sich ohne Beleidigungen, Diskriminierungen, Psycho- und Macho-Stress auf dem Platz besser spielt. Bei den Frauen gibt es nur selten Entgleisungen. Auch ein Thema, worüber wir Männer mal nachdenken sollten. Schließlich spielen sie dasselbe Spiel mit denselben Regeln.

Wobei gerade jede Menge Videos im Netz kursieren, in denen sich Frauen über Männer im Sport lustig machen. Diese Filme als diskriminierend zu beklagen, wird der Kreativität der Protagonistinnen nicht gerecht. Die Aktion wird schon ihre Gründe haben.