Nach 44 Jahren: Österreichs Fußball findet seinen neuen Córdoba-Moment
Kalajdzics Ausgleich in der Nachspielzeit und Warmuths Tribünenschrei markieren keinen Höhepunkt, sondern den Anfang. Jetzt wartet Spanien.
In Kansas City hat Sasa Kalajdzic in der sechsten Minute der Nachspielzeit den Ball über die Linie gedrückt, 3:3 gegen Algerien, und mit diesem Tor eine Wartezeit beendet, die in Österreich inzwischen zwei Fußballergenerationen überdauert hat. 44 Jahre lang hatte das ÖFB-Team keine K.o.-Phase einer Weltmeisterschaft mehr erreicht. Jetzt geht es am 2. Juli gegen den Europameister Spanien. Drei Minuten vor dem Ausgleich hatten die Algerier noch geführt, das vermeintlich entscheidende Tor schien gefallen. Dann kam Kalajdzic, der frühere Stuttgarter, und der Abend kippte.
Was sich danach im ORF-Mikrofon abspielte, ist mittlerweile öfter geklickt worden als das Tor selbst. „Bist. Du. Deppert", schrie Daniel Warmuth von der Tribüne, die Arme weit auseinandergerissen, die Stimme schon angeschlagen. „Ich habe so etwas noch nicht erlebt! Aus! Ich kann nicht mehr!" Kurz darauf rief er den Namen des Torschützen mehrfach hintereinander, ehe er einen Satz nachschob, der die Szene festhält: „mich beutelt es komplett durch". Und weil Kommentatoren in solchen Momenten an ihr Publikum denken, schickte Warmuth einen Gruß in die Wohnzimmer: „In Österreich sind sicher ein paar Kaffeehäferl vom Tisch geflogen."
Der Vergleich, den seither alle ziehen, drängt sich ohnehin auf. Edi Fingers „I wer' narrisch" aus Córdoba, das 3:2 gegen Deutschland bei der WM 1978, ist in Österreich nicht einfach eine Radioreportage, sondern Inventar. 48 Jahre später ist die Wortwahl eine andere, der Affekt derselbe. Warmuth wird in den Geschichtsbüchern wohl nicht denselben Platz bekommen wie Finger, das wäre auch ein hoher Anspruch. Aber das „narrisch" lebte in seinem „deppert" weiter, hörbar, bewusst oder unbewusst, jedenfalls passend.
Interessanter als die Tonspur ist allerdings, was unter ihr liegt. 1978 in Córdoba war ein Sieg, der emotional alles war und sportlich nichts: Österreich schied trotzdem aus. Das macht die Reportage von damals zu einem Denkmal für einen Moment, nicht für einen Weg. In Kansas City ist die Sache umgekehrt. Das 3:3 gegen Algerien ist sportlich nüchtern ein Unentschieden, reicht aber als Gruppenzweiter ins Sechzehntelfinale. Es ist also weniger der Höhepunkt einer Erzählung als ihr Anfang.
Dass dieser Anfang ausgerechnet gegen Spanien weitergeht, gibt der ganzen Geschichte ihre Pointe. Europameister, Favorit, klare Rollenverteilung. Österreich darf in eine Partie gehen, in der nichts zu verlieren ist außer einer Reise, die ohnehin länger gedauert hat als erwartet. Sportlich ist das eine schwierige Aufgabe, dramaturgisch eine dankbare. Wer in der sechsten Minute der Nachspielzeit den Ausgleich macht, fährt nicht mit dem Anspruch nach Hause, vorsichtig zu sein.
Bleibt die Frage, was von diesem Sonntagmorgen übrig bleibt, wenn die Aufregung verflogen ist. Wahrscheinlich Kalajdzics Tor, das die Tabelle drehte. Wahrscheinlich Warmuths Ausbruch, der den Moment beschriftet hat. Und die einfache Tatsache, dass Österreich nach 44 Jahren wieder dort steht, wo das Turnier eigentlich erst beginnt. Das ist mehr, als die meisten Sonntagmorgende einbringen.