Reul dreht die Beweislast gegen Ultra-Fans um: Die Profi-Klubs müssen endlich liefern
Der NRW-Innenminister misstraut den Versprechen von DFB, DFL und Klubs. Seine Botschaft: Wer keine Aufsicht will, muss sie überflüssig machen.
Herbert Reul redet nicht mehr in Andeutungen. Was der nordrhein-westfälische Innenminister der Sport Bild im Nachgang der jüngsten Innenministerkonferenz mitgeteilt hat, ist eine Geduldsbilanz, und sie fällt schmal aus. „Uns wurde viel versprochen vonseiten des DFB, der DFL und der Klubs. Ich will aber wissen, ob die Versprechen auch umgesetzt werden", sagt Reul. Und er schiebt nach, was nach den Erfahrungen der vergangenen Jahre offen klingt, in der Sache aber ein Misstrauensvotum ist: Sicher sei er sich da nicht.
Daraus ergibt sich der nüchterne Beschluss, von dem der CDU-Politiker spricht: eine Evaluierung, an der die Polizei beteiligt ist. Reul geht diesen Weg ausdrücklich mit, aber er formuliert den Satz, der den ganzen Konflikt rahmt: „Die Vereine müssen jetzt liefern." Das ist kein Drohton, das ist eine Verschiebung der Beweislast. Bislang hat der Profifußball erklärt, was er zu tun gedenkt. Jetzt soll er zeigen, was er getan hat.
Besonders deutlich wird Reul beim Streit um die Zentrale Aufsichts- und Überprüfungsstelle Stadionverbote, kurz ZAÜS. Die Klubs, die deren Einrichtung kritisieren, haben aus seiner Sicht das Wesentliche nicht erfasst. „Alle Vereine, die nicht kapieren, dass man solch eine zentrale Aufsicht braucht - und die ist ja noch sehr schwach, nur ein erster Schritt -, haben offensichtlich auch nicht verstanden, was in unseren Stadien stattfindet", sagt er. Es folgen drei Begriffe, die er nicht abmildert: „Krawall, Ärger, Gefährdung von Menschen." Wer so redet, hat die rhetorische Brücke zur Verbandsdiplomatie abgebrochen.
Reul bietet den Klubs allerdings einen einfachen Ausweg an, und das ist die interessanteste Volte seines Auftritts. „Die Vereine sollen nicht meckern, sondern ihren Job machen und beweisen, dass in ihren Stadien Ruhe herrscht. Wenn sie das hinkriegen, wird die ZAÜS gar nicht erst angerufen - und das Problem ist gelöst." Damit dreht er die Logik der Kritiker um: Die Aufsichtsstelle ist kein Eingriff in die Vereinsautonomie, sondern eine Folge ihres Versagens. Wer keine Aufsicht will, muss überflüssig machen, was sie tun soll.
Beim Dauerthema Pyrotechnik bleibt Reul bei einer Formel, die zugleich Geduld und Vorbehalt enthält. Sollte sich die Lage ausweiten, sei das „der Beweis dafür, dass wir handeln müssen". Denn dann bewegten sich diejenigen, die „das Theater veranstalten", außerhalb der Regeln und des Rechts. Härtere Maßnahmen kündigt der 73-Jährige für diesen Fall an, ohne sie zu spezifizieren. Es ist die zweite Beweislast, die er in einem einzigen Interview verteilt.
Bleibt die Frage der Polizeikosten, an der sich der Konflikt zwischen Ländern und Profifußball seit Jahren entzündet. Reul bestätigt den Status quo, ohne ihn zu kommentieren: Nur Bremen stellt die Kosten für Hochrisikospiele in Rechnung. „So ist der aktuelle Stand", sagt er. Mehr nicht. Dass dieser Satz zwischen all den schärferen Passagen so unaufgeregt steht, ist bemerkenswert. Er klingt nach einer offenen Tür - für andere Länder, falls die versprochene Lieferung der Klubs ausbleibt.