Rassismus in Spanien: Ex-Ministerpräsident will Frankreich-Elf zerlegen und scheitert an den Zahlen
Ein einziger Satz erklärt eine ganze Nationalmannschaft zum Fremdkörper. Doch 23 von 26 sind im eigenen Land geboren.
Ein Halbfinale bei einer Weltmeisterschaft lebt von der Frage, wer die bessere Mannschaft stellt. Dass vor dem Duell zwischen Spanien und Frankreich in Dallas ausgerechnet über die Frage debattiert wird, wer überhaupt Franzose ist, hat mit Fußball nichts mehr zu tun. Verantwortlich dafür ist ein Mann, der es besser wissen müsste: Mariano Rajoy, von 2011 bis 2018 Ministerpräsident Spaniens. In einem Gastbeitrag für El Debate attestierte er Frankreich einen "Kader von höchstem Niveau. Allerdings ohne Franzosen." Ein einziger Satz, der eine ganze Nationalelf zum Fremdkörper im eigenen Land erklärt.
Wer so schreibt, misst Zugehörigkeit an Herkunft, Geburtsort und Hautfarbe. Dass diese Logik nicht einmal auf dem Papier trägt, hat die französische Botschaft in Madrid mit dürren Zahlen belegt: 23 der 26 Spieler sind in Frankreich geboren, die drei anderen sind ebenfalls Franzosen. Rajoys Behauptung ist also nicht nur ausgrenzend, sie ist schlicht falsch. Und eine falsche Behauptung, die eine ganze Mannschaft am Nachnamen misst, verliert dadurch ihre Gefährlichkeit nicht — im Gegenteil, sie zeigt, dass es hier nie um Fakten ging.
Bemerkenswert ist, wie eindeutig die politische Antwort ausfiel. Rajoys Amtsnachfolger Pedro Sánchez stellte auf X fest, Zugehörigkeit bemesse sich an der Verbundenheit mit einem Land und dem Willen, zu ihm beizutragen — nicht am Geburtsort. "Spanien gehört denen, die es lieben und mit Leben erfüllen. Nicht denen, die es mit fremdenfeindlichen Äußerungen in Verruf bringen", schrieb er und schloss mit einem Satz, der die Sache auf den Punkt bringt: "Möge der Bessere gewinnen und der Rassismus verlieren." Dass ein amtierender Regierungschef seinen Vorgänger auf diese Weise zurechtweisen muss, sagt einiges über den Ton, den Rajoy angeschlagen hat. Und leider auch über die spanische Politikkultur in Spanien.
Aus Frankreich kamen die schärfsten Worte. Naïma Moutchou, Ministerin für die Überseegebiete, wollte den Vorfall gar nicht erst als "Entgleisung" durchgehen lassen. Sie sprach von einem "systematischen und verharmlosten Hass auf Frankreich und das, was es ist", und rief den französischen Verband dazu auf, sich juristisch zu wehren. Aurore Bergé, Beauftragte für die Bekämpfung von Diskriminierung, beklagte "wiederholte rassistische Entgleisungen". Der Plural ist entscheidend: Es geht nicht um einen Ausrutscher, sondern um ein Muster.
Denn Rajoy steht mit seiner Denkweise nicht allein. Nach Frankreichs Achtelfinalsieg über Paraguay hatte die paraguayische Senatorin Celeste Amarilla in den sozialen Medien ausgerechnet Kylian Mbappé attackiert — er gebe sich als Franzose aus. Es ist derselbe Reflex: Ein Erfolg wird nicht dem Team gegönnt, sondern seine Legitimität über die Herkunft der Spieler in Zweifel gezogen. Wenn eine Nationalmannschaft weit kommt, wird sie plötzlich zerlegt in Namen, Geburtsorte, Hautfarben.
Die Kunst des Sports besteht darin, dass am Ende das Ergebnis auf dem Rasen zählt und sonst nichts. Rajoy hat versucht, ein Halbfinale in eine Bühne für Ausgrenzung zu verwandeln, und ist damit gescheitert — an den Zahlen, an der politischen Front in beiden Ländern, an der Sache selbst. Am Dienstagabend um 21.00 Uhr in Dallas werden allein die Nationalspieler das entscheiden, was sich entscheiden lässt. Die Frage, wer Franzose ist, war nie eine Frage. Sie wurde nur von jemandem gestellt, der die Antwort nicht hören wollte.
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