Niklas Süle in der Kreisliga: Was vom Fußball übrig bleibt

Ein Champions-League-Sieger trainiert jetzt dienstags und donnerstags um 19 Uhr. Kein zweiter Frühling, keine Mission - nur zwei Freunde, ein Platz, ein Ball.

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Niklas Süle in der Kreisliga: Was vom Fußball übrig bleibt
IMAGO/Eibner

Manche Karriereenden wirken wie das Ende einer Geschichte, andere wie ein Themenwechsel. Bei Niklas Süle ist es der Themenwechsel. Der 30-Jährige, der vor einigen Wochen seine Profikarriere bei Borussia Dortmund beendet hat, spielt künftig für den SV Tiefenbach in der Kreisliga Sinsheim. Ein Champions-League-Sieger von 2020, ein Finalist von 2024, 49 Länderspiele, 299 Bundesligapartien – und jetzt zweimal die Woche Training, dienstags und donnerstags ab 19 Uhr auf dem Sportgelände.

Man kann daraus einen Karrierebogen zeichnen, den man normalerweise erst mit Mitte fünfzig sieht: oben Paris Saint-Germain, unten Weiler oder Epfenbach. Aber der Bogen erzählt nicht die eigentliche Geschichte. Süle geht nicht in die Kreisliga, weil er muss, sondern weil er zwei beste Freunde dort hat, von denen einer den Verein trainiert. Das ist der Grund, den er selbst nennt, und es ist ein Grund, der ohne Umweg auskommt. Kein zweiter Frühling, keine Mission, keine Rückkehr zu irgendetwas Verlorenem. Nur der Wunsch, mit Kumpels auf einem Platz zu stehen.

Bei Sky hat Süle das so gesagt: Er freue sich, „den Fußball endlich wieder aus einem ganz anderen Blickwinkel zu erleben – dort, wo es einzig und allein um den Sport an sich geht und nicht um ein Geschäft oder ums Geld." Nach 13 Jahren Profifußball sei es „ein absolutes Geschenk", mit seinen Freunden zu spielen und „die Freude an diesem wundervollen Sport noch einmal in vollen Zügen genießen zu können". Man kann diese Sätze als Marketing lesen, aber dafür sind sie zu unspektakulär. Sie klingen eher wie das, was jemand sagt, der lange in einem Betrieb war und jetzt merkt, dass Fußball und Fußballgeschäft zwei unterschiedliche Dinge sind.

Interessant ist an dieser Entscheidung nicht die Fallhöhe. Interessant ist die Frage, was vom Fußball übrig bleibt, wenn man Verträge, Boni, Ablösesummen, Trainerentlassungen, Kaderplatzierungen und Sky-Pflichtinterviews wegnimmt. Übrig bleibt: ein Platz, ein Ball, elf gegen elf, ein paar Leute am Spielfeldrand, die man kennt. Übrig bleibt vielleicht auch das, weswegen Kinder anfangen zu spielen, bevor jemand kommt und ihnen erklärt, dass sie ein Talent sind. Süle hat 13 Jahre lang die andere Seite kennengelernt, mit allem, was dazugehört, inklusive der wiederkehrenden Debatten über sein Gewicht. Nun sucht er die Seite, die er kannte, bevor er Profi wurde.

Dass Tiefenbach in Schwarz-Gelb spielt, ist eine Fußnote, aber eine hübsche. Süle muss sich farblich nicht umgewöhnen, in der Sache aber schon: Statt Real Madrid im Königsklassenfinale warten jetzt Weiler oder Epfenbach im Kreisligaalltag. Die Frage ist nicht, ob er das Niveau tragen kann. Die Frage ist, ob der Kreisligafußball einen Champions-League-Sieger einfach so aufnimmt, ohne dass etwas verrutscht. Wahrscheinlich schon. Kreisligen sind erfahrungsgemäß robuster gegenüber Prominenz, als man von außen denkt.

Was bleibt, ist eine bemerkenswert entspannte Personalie in einer Woche voller weniger entspannter Personalien. Ein Profi hört auf und spielt weiter, weil zwei Freunde ihn gefragt haben. Der Rest ist Dienstag, 19 Uhr, Sportgelände.