Neuers Verlängerung: Bayern wählt Sicherheit statt Zukunftsplan

Urbig wartet, Nübel kehrt zurück, der Generationswechsel verschiebt sich. Drei Torhüter halten sich für die Zukunft – und einer bleibt einfach Gegenwart.

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Neuers Verlängerung: Bayern wählt Sicherheit statt Zukunftsplan
IMAGO/DeFodi Images

Manuel Neuer hat unterschrieben, ein weiteres Jahr, bis Sommer 2027. Mit 40 bleibt er die Nummer eins des FC Bayern, bleibt Kapitän, bleibt das Gesicht eines Klubs, der seit dem Sommer 2011 kaum eine andere Konstante zwischen den Pfosten kennt. Die Verhandlungen hatten sich hingezogen; ursprünglich, so heißt es, wollte Neuer schon Ende März Klarheit haben. Dass es länger dauerte, ist in diesem Fall mehr als eine Randnotiz, denn jede Woche, die Neuer braucht, ist eine Woche, in der die Torhüterplanung des Rekordmeisters in der Schwebe hängt.

Der Klub verkauft die Verlängerung als Bestätigung. Präsident Herbert Hainer nennt Neuer „das Gesicht nicht nur einer, sondern von zwei Generationen", Vorstandschef Jan-Christian Dreesen einen „der besten Transfers unserer Vereinsgeschichte". Beides ist, wenn man die Zahlen anschaut, schwer zu widerlegen: 597 Pflichtspiele, 13 Meisterschalen, zweimal Champions League, 2014 Weltmeister. Neuer selbst sagt, er habe sich „für die Entscheidung Zeit genommen" und freue sich, dass „alle Voraussetzungen" stimmten. Es klingt zufrieden, es klingt überzeugt, und es klingt nach einem, der weiß, dass er noch gebraucht wird.

Das Problem dieser Personalie steht nicht im Statement, es steht im Schatten daneben. Sportvorstand Max Eberl spricht davon, Neuer und Sven Ulreich – auch er hat um ein Jahr verlängert – sollten Jonas Urbig dabei unterstützen, „die Zukunft des FC Bayern zu werden". Nur: Diese Zukunft beginnt damit, dass Urbig ein weiteres Jahr wartet. Der designierte Nachfolger bleibt designiert, die Rolle des Stammtorhüters bleibt vergeben, und in diese Konstellation kehrt aller Voraussicht nach - zumindest theoretisch - auch noch der verliehene Alexander Nübel vom VfB Stuttgart zurück. Drei Torhüter, die sich für die Zukunft halten dürfen, einer, der die Gegenwart bleibt – das ist kein klarer Plan, das ist ein Stau.

Der zweite Schatten heißt Belastbarkeit. Neuer ist in dieser Saison dreimal kurzzeitig wegen Muskelfaserrissen ausgefallen. Drei Mal in einer Spielzeit ist nichts, was sich mit einem Achselzucken übergehen lässt, schon gar nicht bei einem 40-Jährigen, dessen Vertrag nun bis zu einem Sommer läuft, in dem er 41 ist. Dass der Einzug ins Champions-League-Halbfinale, an dem Neuer großen Anteil hatte, die Entscheidung beeinflusst haben dürfte, ist nachvollziehbar. Es ist aber auch der Reflex, von dem große Klubs eigentlich loskommen wollen: Erfolg in der Gegenwart bremst die Planung der Zukunft.

Und dann ist da die Nationalmannschaft. Über Neuers Comeback zur WM wird seit langem diskutiert, der DFB hat keine Ruhe in der Torwartfrage, seit Neuer seinen Rücktritt erklärt hat. Eine Vertragsverlängerung in München wird das Gespräch nicht beenden, sie wird es befeuern. Wer mit 40 weitermacht, wer Kapitän bleibt, wer in der Champions League trägt – der wird zwangsläufig wieder Thema, wenn es um das deutsche Tor bei einem Turnier geht.

Bleibt der nüchterne Befund. Der FC Bayern hat sich für ein weiteres Jahr Sicherheit entschieden und nimmt dafür in Kauf, dass Urbig wartet, Nübel zurückkommt und der Generationswechsel verschoben wird. Das mag sportlich vertretbar sein, solange Neuer spielt, wie er gerade spielt. Es ist nur kein Plan für die Zukunft. Es ist die Verlängerung der Gegenwart.