Nagelsmanns Rückflug führt nicht in den Urlaub, sondern in Verhandlungen

Nach dem WM-Aus gegen Paraguay wirkt seine Ablösung wahrscheinlich. Der DFB entscheidet nicht über eine Personalie, sondern über den Weg zur EM 2028.

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Nagelsmanns Rückflug führt nicht in den Urlaub, sondern in Verhandlungen
IMAGO/Kirchner-Media

Julian Nagelsmann ist am Mittwochmorgen um 9.33 Uhr in München gelandet, mit rund 25 Minuten Verspätung, in Begleitung seiner Ehefrau Lena und seiner Mutter. Am Abend zuvor war er in Charlotte in eine Lufthansa-Maschine gestiegen, laut Bild an Bord auch Jamal Musiala und Aleksandar Pavlovic. Während viele Nationalspieler das WM-Camp in Winston-Salem nach einer letzten Ansprache des Bundestrainers Richtung Urlaub verließen, ging es für Nagelsmann direkt zurück nach Deutschland. Dort warten weitere Gespräche mit dem Deutschen Fußball-Bund. Seine Ablösung erscheint wahrscheinlich.

Man muss diese Reiseroute nicht überhöhen, um zu erkennen, was sie erzählt. Ein Bundestrainer, der aus einem gescheiterten Turnier zurückkehrt und nicht in den Urlaub fliegt, sondern in Verhandlungen, ist selten ein Bundestrainer, dessen Vertragslaufzeit noch die zentrale Größe ist. Nagelsmann steht bis zur EM 2028 unter Vertrag, er hatte das Amt im September 2023 übernommen. Beides sind, gemessen an dem, was der DFB in den nächsten Tagen zu entscheiden hat, nur noch juristische Rahmenbedingungen. Die sportliche Rahmenbedingung heißt 3:4 im Elfmeterschießen gegen Paraguay, im Sechzehntelfinale, bei einer WM in den Vereinigten Staaten.

Bernd Neuendorf hat nach diesem Ausscheiden einen Satz gesagt, der in seiner Nüchternheit bemerkenswert deutlich ist: Man könne und wolle nach einem derartigen Tiefschlag mit Blick auf die anstehenden Aufgaben nicht einfach zur Tagesordnung übergehen. In den kommenden Tagen sollen gemeinsam und in Ruhe die Gründe erörtert werden, weshalb die Mannschaft ihr vorhandenes Potenzial nicht habe abrufen können und den eigenen wie den Erwartungen Fußball-Deutschlands nicht gerecht geworden sei. Das ist keine Rückendeckung. Das ist die Einleitung zu einer Entscheidung.

Parallel läuft, was in solchen Lagen immer läuft: die Personaldebatte über den Nachfolger. Sky-Informationen zufolge stünde Jürgen Klopp bereit, falls der DFB auf ihn zukommt. Das ist, im Konjunktiv formuliert, eine sehr präzise Botschaft. Sie sagt nicht, dass Klopp den Job will, sie sagt, dass er nicht ablehnen würde, gefragt zu werden. Zwischen diesen beiden Sätzen liegt der ganze Verhandlungsspielraum, den der DFB in den nächsten Tagen ausleuchten muss, und er liegt in einer Konstellation, in der ein Verband selten so öffentlich ist wie ein Trainerwechsel: Man kann eine Ablösung diskret einleiten, aber man kann einen Nachfolger vom Format Klopp nicht diskret ansprechen.

Der Kontext, in dem all das geschieht, ist wenig schmeichelhaft. Die deutsche WM-Gruppe ist in Amerika komplett ausgeschieden, die Elfenbeinküste an Norwegen (1:2), der Deutschland-Besieger Ecuador an Gastgeber Mexiko (0:2), Curacao hatte es nicht einmal ins Sechzehntelfinale geschafft. Man kann daraus lesen, dass die Gruppe stärker war, als es hierzulande wahrgenommen wurde. Man kann daraus aber auch lesen, dass sich Deutschland an einem Gegner blamiert hat, der anschließend gegen Mexiko keine Rolle mehr spielte. Beides zusammen ergibt das, was Neuendorf nüchtern einen Tiefschlag genannt hat.

Ob am Ende dieser Gespräche Nagelsmann bleibt, Nagelsmann geht, oder Klopp übernimmt, wird sich in den nächsten Tagen zeigen. Nach allem, was bislang bekannt ist, ist die zweite Variante die wahrscheinlichere, und die dritte die interessantere. Der DFB entscheidet gerade nicht über eine Personalie. Er entscheidet über die Frage, mit welchem Trainer er sich auf die EM 2028 zubewegen will – und ob er sich diese Antwort in Ruhe leisten kann.