Kathleen Krüger beim HSV: Nüchternheit als Programm
Die neue Sportvorständin setzt auf Daten statt Emotion. Ob das die alten Zyklen des Klubs durchbricht, entscheidet sich in den kommenden Wochen.
Es hat etwas Passendes, dass Kathleen Krüger ihre erste größere Bühne beim Hamburger SV nicht mit einem Versprechen betritt, sondern mit einer Absage. Der Preis, den der FC Arsenal für eine feste Verpflichtung von Fabio Vieira aufruft, sei für den HSV „nicht darstellbar", sagte sie am Mittwoch im Volksparkstadion. Man wolle mit den Londonern eine „kreative, smarte Lösung" suchen, mehr nicht. Das ist kein rhetorisches Manöver, das ist die Ansage einer Sportvorständin, die weiß, dass ein Klub, der gerade erst den Klassenerhalt geschafft hat, sich große Gesten nicht leisten kann. Und es ist der Ton, in dem Krüger offenbar zu arbeiten gedenkt.
Die 41-Jährige kommt vom FC Bayern, wo sie sich nach ihrer sportlichen Karriere zunächst als Teammanagerin einen Namen machte und zuletzt die Organisation und Infrastruktur leitete. An der Elbe tritt sie die Nachfolge von Stefan Kuntz an, dessen Abschied Anfang des Jahres für die im HSV-Kosmos üblichen Nebengeräusche gesorgt hat. Krüger begegnet dieser Vorgeschichte mit einem Vokabular, das man in Hamburg zuletzt nicht allzu häufig gehört hat: „Objektivität", datenbasierte Arbeit, gemeinsames Agieren als Basis. Wer beim HSV die vergangenen Jahre verfolgt hat, weiß, wie ungewöhnlich das klingt.
Zugleich verzichtet Krüger auf jede demonstrative Bescheidenheit. „Wir sind mutig, ambitioniert und leidenschaftlich. Wir wollen nicht verwalten, sondern entwickeln", sagte sie. Nach dem Klassenerhalt gehe es nun darum, sich „weiter in der ersten Liga zu etablieren". Die sportliche Weiterentwicklung nannte sie die „größte Säule" ihrer Aufgabe. Auf operativer Ebene führt sie den Klub gemeinsam mit dem für die Finanzen zuständigen Eric Huwer, in Transferfragen arbeitet sie eng mit Profifußball-Direktor Claus Costa zusammen. Aufsichtsratschef Michael Papenfuß attestiert ihr „sportliche Kompetenz, strategisches Denken und eine hohe Kommunikationsfähigkeit"; sie werde „die Gesamtverantwortung für den sportlichen Bereich" tragen.
Bemerkenswert ist die Personalie auch jenseits des Sportlichen. Krüger ist beim HSV nicht die erste Frau im Vorstand: Katja Kraus gehörte von 2003 bis 2011 der Hamburger Führungsetage an, damals als erste Frau überhaupt im Vorstand eines Fußball-Bundesligisten. Dass es fast anderthalb Jahrzehnte nach Kraus' Ausscheiden eine Meldung wert ist, wenn eine Frau einen solchen Posten übernimmt, sagt weniger über den HSV als über die Bundesliga insgesamt. Der Klub, der in vielem als Sinnbild der eigenen Widersprüche taugt, ist in diesem Punkt weiter als die meisten anderen.
Die eigentliche Prüfung beginnt jetzt. Krüger übernimmt einen Traditionsklub, der aus dem Aufstieg keinen Schwung ableiten kann, weil die Rangordnung in der Bundesliga eine andere ist als in der zweiten Liga. Sie erbt einen Kader, in dem die Vieira-Frage exemplarisch für viele Fragen steht: Was kann man sich leisten, was will man sich leisten, und wo verlaufen die Grenzen zwischen Ambition und Übermut? Der Verweis auf datenbasierte Arbeit und Objektivität ist in Hamburg deshalb mehr als eine Managementfloskel; er ist der Versuch, die emotionalen Zyklen dieses Klubs mit einem nüchternen Instrumentarium zu unterbrechen. Ob das gelingt, wird sich nicht an Sätzen im Volksparkstadion entscheiden, sondern an den Entscheidungen der kommenden Wochen.