Mexikos Lehrer drohen die WM-Eröffnung zu sprengen

Brennende Spielerstatuen, gestürmte Ministerien: Der Lohnstreit findet eine Bühne, die sich der Veranstalter so nicht ausgesucht hätte.

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Mexikos Lehrer drohen die WM-Eröffnung zu sprengen
IMAGO/ZUMA Press Wire

Die Bilder aus Mexiko-Stadt sind drastisch, und sie kommen zur Unzeit für die Gastgeber. Demonstranten haben am Mittwoch ein Regierungsgebäude gestürmt, die Zentrale des Bildungsministeriums in der Hauptstadt. Sie setzten Laternenmasten als Rammböcke ein, um sich gewaltsam Zutritt zu verschaffen. Wenige Tage vor dem Beginn der Fußball-Weltmeisterschaft hat der Lehrerprotest eine Dimension erreicht, die niemand mehr ignorieren kann, der nach Mexiko schaut – auch nicht jene, die am liebsten nur auf den Anstoß schauen würden.

Schon am Dienstag hatte eine abgespaltene Gruppe der Lehrergewerkschaft CNTE ein Bild produziert, das exemplarisch ist für den Konflikt zwischen Sportgroßereignis und sozialer Realität. Sie riss riesige Plastikstatuen von Spielern mit Hilfe von Seilen um, zog ihnen die Trikots aus und verbrannte sie. Wer Statuen verbrennt, will gesehen werden. Und er weiß, dass die Welt in diesen Tagen ohnehin nach Mexiko blickt, weil das Turnier am 11. Juni eröffnet wird. Der Fußball wird hier, ob er will oder nicht, zur Bühne und zum Adressaten zugleich.

Der Streitpunkt ist nüchtern beziffert. Die Regierung hat sich mit der CNTE auf eine Gehaltserhöhung von neun Prozent geeinigt, die protestierenden Lehrer fordern hundert. Dazwischen liegt nicht nur eine Verhandlungsmarge, sondern eine Welt. Das monatliche Brutto-Einstiegsgehalt eines Lehrers an einer öffentlichen Schule in Mexiko entspricht umgerechnet 833 Euro. Wer mit diesem Wert vor Augen die Bilder von Mega-Events und ihren Budgets nebeneinanderlegt, versteht, warum manche Demonstranten Plastikfiguren von Fußballspielern als legitime Projektionsfläche ihres Zorns begreifen. Es geht nicht gegen den Sport, es geht gegen die Verteilung.

Staatspräsidentin Claudia Sheinbaum hat den Ton gewählt, der ihr in dieser Lage am wenigsten schaden kann. Sie werde nicht in die „Falle" tappen, Demonstrationen gewaltsam niederzuschlagen, sagte sie auf ihrer täglichen Pressekonferenz. „Sie wollen, dass wir im Vorfeld der Weltmeisterschaft auf Repression zurückgreifen", erklärte sie und versprach, genau das nicht zu tun. Sie hat einen Dialog mit den Demonstranten angeboten. Das ist klug, denn jedes Bild von prügelnder Polizei vor laufenden Kameras der Fußballwelt würde das Land länger beschäftigen als das Turnier selbst.

Trotzdem bleibt eine offene Drohung im Raum. Die CNTE hat Massendemonstrationen für den 11. Juni angekündigt, also ausgerechnet für den Eröffnungstag der WM, sollten die Forderungen nach Gehaltserhöhungen und neuen Verhandlungen über das Rentensystem nicht erfüllt werden. Damit hat der Konflikt einen Termin, der für den Veranstalter teurer kaum sein könnte. Großereignisse leben vom Bild der unbeschwerten Eröffnung, von Choreografien und Kameraschwenks über volle Plätze. Sie vertragen keine Bilder von Lehrerinnen und Lehrern, die in Sichtweite der Stadien für Gehälter demonstrieren, die in Euro umgerechnet kaum mehr als eine Trikotpauschale ergeben.

Man muss diesen Konflikt nicht zur Generalabrechnung mit dem Weltfußball aufpumpen, um seine Wucht zu erkennen. Eine Lohnforderung, eine Rentendebatte und eine Hauptstadt, in der Statuen brennen – das ist die Kulisse, in die der Ball am 11. Juni hineinrollen soll. Sheinbaum setzt auf Dialog statt Repression, und das ist die einzige vernünftige Antwort, die sie hat. Ob sie genügt, entscheiden in den nächsten Tagen nicht die Gastgeber des Turniers, sondern die Lehrer, deren Geduld so lange gehalten hat wie ihr Gehalt knapp ist.