Klopp-Auftritt: Wenn die Rücktrittsdrohung vor dem ersten Arbeitstag erfolgt
Familienschutz ist sein gutes Recht. Doch wer Kritik zur Rücktrittsbedingung macht, verwechselt das Publikum mit einer Mannschaft.
Ein Bundestrainer, der noch vor dem ersten Training des ersten Länderspiels eine Rücktrittsdrohung ins Mikrofon spricht: Das ist eine bemerkenswerte Art, ein Amt zu beginnen. Jürgen Klopp hat sich am Freitag auf dem Frankfurter DFB-Campus vorgestellt und dabei nicht nur über Spielweise, Kader oder Ziele gesprochen, sondern über die Bedingungen, unter denen er das Ganze überhaupt zu machen bereit ist.
„Wenn ihr euch daneben benehmt und meine Familie nicht in Ruhe lasst, bin ich weg, um es klar zu sagen", sagte der 59-Jährige. Der Satz steht am Anfang, nicht am Ende. Das ist bemerkenswert.
Es lohnt, zwei Dinge auseinanderzuhalten, die Klopp an diesem Tag vermischt hat. Das eine ist der Schutz der Familie. Wer verlangt, dass Angehörige in Ruhe gelassen werden, formuliert eine Grenze, die legitim ist und die niemand ernsthaft bestreiten wird. Kein Amt, auch nicht das prominenteste im deutschen Fußball, hebt das Recht der Familie auf ein Leben abseits der Kameras auf. Bis hierhin ist alles nachvollziehbar, und man kann es einem Trainer kaum verdenken, dass er diesen Punkt früh setzt.
Das andere aber ist der Ton, in dem Klopp die Grenze zieht, und die Zusätze, die er anhängt: „Wenn ihr morgen sagt, der ist scheiße, bin ich weg! Wenn der DFB sagt, so machen wir nicht weiter, bin ich weg!"
Hier verschiebt sich etwas. Aus dem Schutz eines privaten Raumes wird eine Erwartung an die öffentliche Bewertung des Amtes selbst. Kritik am Bundestrainer ist kein Übergriff auf die Familie, sondern der Normalfall in einem Land, das seiner Nationalmannschaft mit Leidenschaft und Ungeduld zusieht. Wer beides in einem Atemzug zur Rücktrittsbedingung macht, stellt eine Frage, die er womöglich gar nicht stellen wollte: Darf über ihn nur wohlwollend berichtet werden?
Denn genau das klingt an, wenn Klopp im selben Auftritt an die Medien appelliert, ihn und die Nationalmannschaft zu unterstützen. „Ich mache das nicht gegen euch, sondern für euch", sagt er und lädt zum gemeinsamen Weg ein. Das ist charmant und typisch für einen Mann, der Menschen für sich einnehmen kann. Nur ist die Rolle der Öffentlichkeit nicht die des Mitreisenden. Sie berichtet, sie bewertet, sie widerspricht auch. Ein Amt, das Unterstützung zur Vorbedingung erklärt, verwechselt das Publikum mit einer Mannschaft, die es zu formen gilt.
Die angekündigten „bissigen Antworten" auf „doofe Fragen" gehören noch zum Spiel und sind eher unterhaltsam als bedenklich. Ein Trainer darf schlagfertig sein, und mancher Nachfrage wünscht man ohnehin eine deutliche Erwiderung. Problematisch wird es erst dort, wo der Rücktritt zur Antwort auf schlechte Presse wird. Denn dann verschiebt sich das Verhältnis zwischen dem prominentesten Amt des Fußballs und jenen, die es begleiten: Die einen dürfen drohen, die anderen sollen sich zusammenreißen.
Man wird Klopp an seiner Arbeit messen, nicht an einem einzigen Auftritt. Und vieles von dem, was er sagt, ist Ausdruck einer Erfahrung, die er offenbar nicht wiederholen will. Doch der erste Eindruck bleibt: Ein Bundestrainer, der das Amt mit der Grenze eröffnet, statt mit dem Vorhaben, hat die Reihenfolge womöglich verkehrt gewählt. Familienschutz ist sein gutes Recht. Die Immunisierung gegen Kritik wäre etwas anderes.
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